Kultur : "Nibelungen": Kurz und ewig

Christoph Funke

Die Unheil kündenden Träume der Nibelungen-Recken von Friedrich Hebbel gehen in Erfüllung. Das gehört sich so. Aber auch der Autor hatte eine bange Ahnung. Mindestens fünf große oder zehn kleine Akte, wie der Dichter damals glaubte, das konnte doch nicht gut gehen. Im Brief heißt es: "Ein Theaterdirektor, der sich zur rechten Zeit in einen unerschrockenen Metzgerknecht verwandelt und meine Recken behackt, findet sich leichter, als einer, der mir zwei Abende hintereinander einräumt."

In Hebbels Worten steckt aber auch Ironie. Und mit dieser vom Autor durchaus legitimierten Freiheit sind Regisseur Alexander Lang und die Dramaturgin Dagmar Borrmann mit verblüffender Frechheit umgegangen. Die Leipziger Nibelungen-Trilogie wird auf einen Abend von drei Stunden und zwanzig Minuten (einschließlich einer längeren Pause) eingedampft, in einen einzigen Fluss gezwungen ohne alle Verzweigungen. Lang beginnt mit dem Königsbefehl an seine Getreuen: "Erzählt was", denn der Tag wird sonst, ja, zu lang. Was die Recken dann hören, stellen sie nach, sich schnell verwandelnd und ihre eigene Geschichte spielend. Am Ende sind in Hebbels Trauerspiel so gut wie alle tot - nicht so auf der Leipziger Bühne. Die Helden kommen durch den Zwischenvorhang wieder nach vorn, versammeln sich wie am Anfang, haben erneut Langeweile, und das Erzählen beginnt von vorn.

Auf der Vorbühne prunkt der Sternenhimmel, aufgespannt zwischen gemalten Felsschluchten, und sechs große, graue Kisten in Reih und Glied wackeln unter Blitz und Donner - bis sich die Deckel lüften und die burgundischen Helden ans fahle Licht heraustaumeln. Prächtige Perücken, schwere dunkle Stoffe, Leder und Kampfgeschmeide aller Art, dazu Schwerter, Schilde, Helme - es ist einfach alles da, was ein rittersüchtiges Herz nur begehren kann. Wann sah man das schon mal auf einer zeitgenössischen Bühne?

Lang zeigt die "starken Recken" und "stolzen Fraun" als irrende, verwirrte Menschen mit Kindergemütern und treibt das Klischee des Heldischen bis ins Extrem. Was die Kinder beginnen, in naivem Übermut, führt in den Abgrund. Die Bühne, sich weit öffnend, wird zum öden Ort der Verlorenheit, des sinnlosen Tötens. Etzels Burg ist eine Art Fahnenmonument mit Trutzturm (Bühne und Kostüme: Marcel Keller), einen Ausweg aus der Verlorenheit gibt es nicht.

Die Nibelungen - Täter und Opfer in ewiger Wiederholung. Aber für die Resignation hat Lang auch den Spaß, die hellsichtige Parodie, und den tiefen, den aufwühlenden Ernst, wenn es sein muss. Vor allem aber auch Schauspieler, die ihm in betont zeremonieller, fast schon stummfilmhafter, überdeutlicher Gestik bedingungslos folgen. Marco Albrecht ist ein hochfahrend geltungssüchtiger, feiger, großmäuliger König Gunther, Matthias Hummitzsch ein fürwahr finsterer, aber ganz ruhiger Hagen voller Würde und kluger Zurückhaltung. Martin Reik macht aus dem Siegfried auf hinreißende Weise den tumben, selbstverliebten, stolz strahlenden Kraftprotz, dem nicht die leiseste Ahnung von etwas Bösem zuteil wird. Susanne Böwes Kriemhild findet aus dem Kindlichen, Auftrumpfenden des Beginns in die schwermütige Trauer der Rache-Arbeit, während Susanne Stein die Brunhild geheimnisvoller, dunkler anlegt.

Verstörend ist dennoch, wie sich das überdrehte Kinderspiel des Anfangs allmählich beruhigt, an Spannung verliert, fast schon müde wird. Das zwanghafte Morden eines Zeitenendes in der Etzelburg wird, durch beruhigte Pantomime, ins Gedankliche entrückt. Es bleibt nur Resignation, und fast scheint es, als wolle sich das Theater selbst am Ende erschöpft aufgeben.

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