Nibelungen-Neufassung : "Sind Sie Kriemhild?"

In Worms suchen Nibelungen-Darsteller nach neuen Deutungen im alten Text. Die Proben laufen zurzeit auf Hochtouren, denn in zwei Wochen ist Premiere.

Worms - "Gnädige Frau, ich suche Kriemhild, sind Sie Kriemhild?" Der edle Recke irrt über die Bühne und ist verzweifelt. Die gesuchte Geliebte will sich einfach nicht zeigen. Und dann schreit auch noch jemand "Stopp!". Es ist der Regisseur, und der ist nicht zufrieden. "Der Siegfried ist ja nicht zu hören, die ganze Wirkung ist weg", kritisiert Dieter Wedel. Zwei Wochen vor der Premiere der Nibelungen-Festspiele 2006 am 11. August laufen die Probenarbeiten in Worms auf Hochtouren. Seit drei Tagen probt das hochkarätig besetzte Ensemble vor der Südfassade des Wormser Doms: Es ist dieselbe Spielstätte wie im ersten Jahr, 2002, fast dasselbe Stück desselben Autors - und doch ist im fünften Festspieljahr vieles anders. Die Festspiele sind erwachsen geworden, und immer auf der Suche nach einer neuen Deutung desselben Stoffes.

"Die Nibelungen - Siegfrieds Frauen" heißt die Neufassung des 2002 eigens für die Festspiele geschriebenen Stoffes des Autors Moritz Rinke. Die neue Version teilt die alte Fassung in zwei Teile. Der erste endet nun mit Siegfrieds Tod, der zweite widmet sich ganz Kriemhilds Rache. So nähert sich das erbarmungslos modernisierte Stück des ersten Jahres auf einmal einem alten Klassiker an: Friedrich Hebbels "Nibelungen", die in den beiden Jahren zuvor in Worms zur Aufführung kamen.

Routiniert eingespielter Betrieb

"Wir haben fünf Jahre Erfahrung mehr", sagt Intendant Dieter Wedel, der in diesem Jahr wieder Regie führt. Zwar meint der Regisseur eher fünf Jahre mehr Erfahrung mit dem stockenden Politik-Betrieb in Deutschland. Doch für die Festspiele trifft es gleichwohl zu. Im ersten Jahr türmten sich die Probleme hoch wie eine Nibelungen-Feste auf: Die Schauspieler standen auf dem nackten Rasen vor der Südfassade des Doms, die imposante Steinfassade schluckte jeden Schall, die Tonanlage kapitulierte vor der Weite des Raumes.

2006 läuft der Betrieb routiniert und eingespielt. Wo Wedel 2002 noch frustriert die Helfer scheuchte, sitzt er 2006 mit baumelnden Beinen auf einem Tisch unter einem der riesigen Bäume. Technische Probleme werden schnell behoben. Die Wiese wird zum Großteil von einer neuen, 30 Meter breiten und 20 Meter tiefen Bühne verdeckt. Von den Seiten rollen plötzlich riesige schwarze Container auf die Bühne, jeder mit mehreren Türen in den Seiten. Rollwagen nennen sie die Gebilde, die innen von je sechs Männern bewegt werden und lautlos auf die Bühne rollen. Sie sind die größte Neuerung in Wedels Inszenierung: Zusammengeschoben ergeben die Wagen eine solide Wand, markieren Innenräume, teilen die Bühne ab und dienen als Spiel-Plattform.

Reichlich Wiedererkennungseffekte

Dahinter üben Statisten gerade eine Schildkröten-Formation mit Plastikschilden. Mit dumpfem "Trapp, Trapp" marschieren sie auf die Bühne, plötzlich ragt ein Mann daraus hervor, schwingt mit nacktem Oberkörper ein Schwert und fällt die Krieger. Es ist Siegfried, der die Sachsen dahinmeuchelt. Robert Dölle spielt ihn 2006. Er wirkt im selben Trenchcoat und mit derselben Körpersprache wie eine Kopie Götz Schuberts von 2002.

Auch sonst gibt es reichlich Wiedererkennungseffekte zum ersten Jahr. Szenen ebenso wie Utensilien, etwa der Jeep oder das Eispferd. Und doch ist dem Stück eine neue Ernsthaftigkeit anzumerken: Die Schauspieler scheinen plötzlich mehr zu deklamieren, die Szenen erhalten dank optischer Begrenzung durch die Wände eine höhere Dichte. Der Regisseur feilt an jedem Detail: Der Jeep ist zu weit gefahren, die Wache zu nah, der Burgwächter zu wenig schläfrig. Selbst der Text muss sich dem unterwerfen, nun fragt Siegfried pointierter nach seiner Holden: "Sind Sie Kriemhild?". (tso/ddp)

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