Kultur : Nibelungenscheu

Warum der Anwalt Jonathan Livny in Israel eine Wagner-Gesellschaft gründet

Miguel A. Zamorano
Foto: Zamonaro
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Im Jerusalemer Büro von Jonathan Livny läuft die „Walküre“ von Richard Wagner, interpretiert von Roberto Paternostro und dem Staatstheater Kassel. Der Anwalt wühlt in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch, zieht unter der Gründungsurkunde seiner Wagner-Gesellschaft einen Brief mit deutschem Absender hervor. Eine Anwaltskanzlei erkundigt sich, wie hoch der Mitgliedsbeitrag für den von Livny gegründeten Verein sei. Aus Israel kommen ähnliche Briefe. Mit einer einzigen Ausnahme: „Ein israelischer Anwalt schrieb mir, er wolle einen Prozess anstrengen, um den Verein zu verbieten“, erzählt Livny. Und lächelt.

Über 90 Mitglieder hat der Verein mittlerweile, der Mitte November als erste Wagner-Gesellschaft Israels registriert worden ist. „Ein erstes Treffen“, kündigt Livny an, „soll noch dieses Jahr stattfinden.“ Die Idee für einen Wagner-Verein hatte der Anwalt, dessen Vater bei der Flucht aus Nazi-Deutschland einige Wagner-Schallplatten mit im Gepäck hatte, seit geraumer Zeit. Das Vorhaben des Dirigenten Roberto Paternostro, 2011 mit dem Israel Chamber Orchestra in Bayreuth aufzutreten, und der damit einhergehende öffentliche Aufschrei in Israel lieferten dem Anwalt den letzten Grund. „Es muss doch endlich möglich sein, Politik von Kunst zu trennen!“

Was die Kultur betrifft, wird Israel von allen Seiten boykottiert, findet Livny – von außen wie von innen. Neulich erst hätten israelische Künstler das Theater der Siedlung Ariel in der Westbank bestreikt und ihren Auftritt dort verweigert, um gegen die Siedlungspolitik der israelischen Regierung zu protestieren. Dann machte der ägyptische Schriftsteller Ala Al Aswani von sich reden, weil er sich einer Übersetzung seines Bestsellers „Der Jakoubianbau“ ins Hebräische widersetzte. Der Autor will keine „normalen Beziehungen“ mit Israel. Und die englische Band Tindersticks sagte ihr Konzert für Anfang Dezember in Tel Aviv ab. Weil sie von Organisationen bedrängt wurden, „die uns nahestehen“, so die Band auf ihrer Homepage.

„Wo soll das enden?“, fragt Livny aufgebracht. Er sitzt nun kerzengerade und wedelt heftig mit den Händen. „Wir müssen endliche eine normale Gesellschaft werden.“ Eine Forderung, mit der er nicht allein steht. Auch Jehohasch Hirshberg erhofft sich von der neuen Wagner-Gesellschaft einen Beitrag zu mehr Normalität, vor allem im öffentlichen Umgang mit dem Komponisten. Der emeritierte Professor für Musikgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem schrieb der Israel Chamber Orchestra sofort einen Unterstützerbrief, als er von den Reaktionen in seinem Land erfuhr.

Endlich müsse die Auseinandersetzung mit Wagner auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene stattfinden, findet Hirshberg. Dann werde sich die Einsicht durchsetzen, dass zwischen Wagners antisemitischer Schrift „Das Judentum in der Musik“ und seinem musikalischen Werk Welten liegen. „Ich kann beispielsweise überhaupt keine antisemitischen Referenzen in den ,Nibelungen‘ finden.“ Wenn der eine oder andere seiner Studenten mal gefragt habe, wie er sich denn als Jude mit dem Nazi Wagner auseinandersetzen könne, habe er stets mit einer Gegenfrage geantwortet, erzählt der Professor: „Wissen Sie überhaupt, wann Wagner gestorben ist?“ Fünf Jahrzehnte, bevor die Nazis an die Macht kamen.

Zum ersten Wagner-Boykott auf dem Gebiet des heutigen Israel kam es schon 1938. Damals beschloss das junge Palestine Orchestra, in dessen Reihen sich viele jüdische Musiker befanden, die aus Deutschland und Mitteleuropa ins Heilige Land geflohen waren, eine Komposition des Komponisten vom Spielplan abzusetzen. Hirshberg erzählt: „Die Kristallnacht hatte gerade stattgefunden und alle kannten die Nürnberger Rassengesetze. Da konnten die Musiker nicht ohne Weiteres die ,Meistersinger von Nürnberg‘ spielen“. Die Ouvertüre zu eben jener Oper aber hatte für Ende November 1938 auf dem Plan gestanden.

Das Gebot, jedes Orchester in Israel solle die Hände von einer Aufführung der Musik Richard Wagner lassen, ist also über 70 Jahre alt. Natürlich sorgten die Verbindungen der Wagner-Familie zum Nazi-Regime zusätzlich dafür, dass bis heute schon das laute Nachdenken einer Aufführung zu öffentlicher Aufregung oder gar gewalttätigen Demonstrationen führen kann. Knapp zehn Jahre nachdem Daniel Barenboim einen Skandal auslöste, weil er als Zugabe „Tristan und Isolde“ in Tel Aviv gespielt hatte, hat sich die erste Wagner-Gesellschaft in Israel vor allem ein Ziel gesetzt: Über den Antisemitismus in der Musik Wagners zu diskutieren, aber eben auch den Einfluss des deutschen Komponisten auf die jüdischen Kollegen im 20. Jahrhundert zu untersuchen – auf Gustav Mahler, Arnold Schönberg oder Ernst Bloch etwa.

Außerdem will die Gesellschaft darauf hinarbeiten, dass Wagners Werk in Israel öffentlich gespielt wird. „Wagner, das ist der Lackmustest für jedes Orchestra auf der Welt“, schwärmt Jonathan Livny. Und Professor Jehohasch Hirschberg ist überzeugt: „Das Israel Philharmonic Orchestra in Tel Aviv ist dieser Herausforderung sehr wohl gewachsen.“

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