Nic Pizzolatto : Liebe auf der Flucht

Der Serien-Autor als Romancier: Nic Pizzolattos Krimidebüt „Galveston“ ist mindestens genauso packend wie das HBO-Format "True Detective".

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"Galveston" von Nic Pizzolatto
"Galveston" von Nic PizzolattoFoto: Promo

„Der Arzt hat Bilder von meiner Lunge gemacht. Die sind voller Schneeflocken. Als ich das Sprechzimmer verließ, waren die Leute im Wartezimmer froh, dass sie nicht ich waren. Gewisse Dinge lassen sich im Gesicht ablesen.“ Es scheint kein guter Tag für den Auftragskiller Roy Cady zu werden. Wenn er wüsste, was an dem Tag nach der Krebs-Diagnose noch folgen würde, würde er wohl gleich beim Arzt bleiben. Cady soll für seinen Boss Stan einen Deal mit einem gewissen Frank Sienkiewicz abwickeln, einem Hafen-Gewerkschafter, Stans Partner in windigen Geschäften. Leichter Job, nichts Schlimmes.

Nach Erledigung dieses „Jobs“ hat Cady drei Männer erschossen und ist auf der Flucht, weg von New Orleans, mit einer Teenagerin.

Kaum ein Drehbuchautor wird in Hollywood zurzeit so gefeiert wie Nic Pizzolatto. Anfang des Jahres strahlte HBO die erste Staffel der von ihm erfundenen, geschriebenen und produzierten Serie „True Detective“ aus. Seitdem gilt der 38-Jährige als Superstar der US-Filmindustrie. Seine Story über zwei neurotische Cops, Woody Harrelson und Matthew McConaughey, auf Serienmörderjagd in den Sümpfen von Louisiana, hatte so viele Fans, dass der Streaming-Dienst des Senders zusammenbrach, sobald eine Folge lief. Pizzolatto eilt ein sagenhafter Ruf voraus. Der 38-Jährige hat in North Carolina und Chicago kreatives Schreiben und amerikanische Literatur unterrichtet. Den ersten wahren Künstler unter den US-Fernsehautoren nennt ihn die „Zeit“. Ein Querkopf, der sich nicht reinreden lässt. Auf „Galveston“, Pizzolattos Debütroman, waren alle gespannt.

Und dann kommt dieser Roy Cady, Jeans, schwarzes T-Shirt, Cowboystiefel, lange Haare und Vollbart, ein stets zu scheitern drohender Typ, der an Sam Spade aus Dashiel Hammetts Malteser-Falke-Roman oder an die korrupten Bullen aus James Ellroys „L.A. Confidential“ erinnert. An Figuren, die sich jenseits der moralischen Fassaden der Gesellschaft bewegen und die, so der Übersetzer Gunter Blank im Nachwort, repräsentativ für eine Welt stehen, die langsam, aber sicher auf den Abgrund zutrudelt.

Verrauchte Motelzimmer, typisch

Cadys Abgrund lauert in Galveston, einer Insel an der Ostküste des Bundesstaats Texas. Zwischen Cady und der hübschen Teenagerin Rocky entspinnt sich auf der Flucht eine zarte, herb melancholische Liebesgeschichte, bei der die Türen vielleicht ein bisschen zu oft verbeult, die Blechdächer kalt, die Lichter gebrochen, Motelzimmer verraucht, der Regen versalzen, die Gesichter im Spiegel unerkennbar und die Fenster vergittert sind. Melancholie allüberall. Immerhin, mit Rockys jüngerer Schwester Tiffany stößt eine der sinnlichsten Nebenfiguren der jüngeren Literatur dazu.

Die zwei Zeitebenen, 1987 und 2008, machen die Lektüre nicht leicht. Offenbar hat Roy überlebt, in Galveston. Dort taucht ein Typ im schwarzen Jaguar auf und sucht ihn. Es geht immer um den letzten Job, die letzte Liebe, den letzten Kampf, die letzte Verletzung, der, vielleicht, die Läuterung des Helden folgt. Der natürlich ein Anti-Held ist. „Meine Stiefel klickten wie vorrückende Uhrzeiger auf dem Asphalt. Eine rauchgraue Katze lief eine Weile auf der anderen Straßenseite neben mir mit. Auf einer Bank an der Bushaltestelle trank ein bärtiger Mann etwas aus einer Papiertüte und weinte dabei. Er erzählte mir, er sei glücklich. Sei heute aus dem Knast entlassen worden. Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, war es so still, dass das Ticken des Weckers im Zimmer nachzuhallen schien. Das leise Geräusch sagte mir, dass es spät war, später wurde und noch später. Zeit war vergangen. Ich war alt.“ Roy ist einer jener einsamen, lakonischen Cowboys, die im Grunde gut und immer etwas zu schlau sind für ihren Stand, für ihre Herkunft.

„Galveston“ ist eine Verbeugung vorm Krimi noir, ein Krimi, eine Eifersuchtsgeschichte, ein existenzialistisches Drama. Anfangs wird viel geballert, später wird mehr geredet in dem bis zur letzten Seite fesselnden Buch. Pizzolattos Ideal ist ein Film, in dem nichts passiert, in dem nur rumgesessen und geredet wird – wie bei den hypnotischen Monologen über das menschliche Bewusstsein in „True Detectives“. Der Autor kokettiert. In „Galveston“ passiert viel, vor allem im Nachhall, beim Leser. „Die Vergangenheit ist nicht real“, sagt Roy. „Das ist nur eine der Ideen, von denen du glaubst, dass sie real sind. Sie existiert nicht, Baby.“

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Nic Pizzolatto: Galveston. Roman. Aus dem Amerikanischen von Gunter Blank. Metrolit Verlag. 253 Seiten. 20 €.

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