Kultur : Nicht aufgeben

Nach der Diagnose: Bilder eines Kriegs.

Julian Hanich

Er heißt Roméo. Sie heißt Juliette. Auf der Tanzfläche einer Disko entdecken sie einander. Er wirft ihr eine Pille zu, sie küssen sich. Vom ersten Augenblick an sind sie ein Liebespaar im Rausch, das glückstrunken durch die Straßen von Paris, durch Parks, über den Jahrmarkt taumelt. Irgendwann stehen sie im Museum vor Gustave Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“, das das weibliche Genital zeigt. Und schon schreit aus dem Hintergrund das gemeinsame Baby: Ein Sohn wird geboren, Adam.

Adam bedeutet für Roméo und Juliette den Ursprung einer neuen Welt. Und den Anfang ihrer Probleme. Die Anforderungen der Erziehung bringen die Gegensätze zwischen der bürgerlichen Juliette und dem unbürgerlichen Roméo hervor. Dazu kommen die Auffälligkeiten ihres Sohns. Hirntumor lautet die Diagnose der Ärzte. Der Zug des Lebens macht plötzlich Halt auf freier Strecke. Doch von ihren Verwandten unterstützt, erklären die drei der Krankheit den Krieg.

„Das Leben gehört uns“ heißt auch deshalb im Original „La guerre est déclarée“, weil die junge Regisseurin Valérie Donzelli Adams Diagnose partout mit dem Beginn des Irakkriegs zusammenfallen lassen will. Man versteht ja: Die Krankheit des Kindes ist eine todernste Angelegenheit. Trotzdem wirkt es obszön, wenn das private Schicksal mit einem weltpolitischen Ereignis gleichgesetzt wird, bei dem Tausende umkommen. Umso mehr, weil der Film autobiografisch grundiert ist: Regisseurin Donzelli spielt die weibliche, ihr ehemaliger Lebensgefährte Jérémie Elkaïm die männliche Hauptrolle. Auch der gemeinsame Sohn Gabriel spielt mit, als achtjähriger Adam.

Dennoch ist „Das Leben gehört uns“ ein bewegender, manchmal ergreifender Film geworden: eine wild-tragikomische Feier des Lebens. Donzelli hat den Film auf einer Fotokamera gedreht und auf Cinemascope-Format aufgeblasen. Sie nutzt Mehrfachbelichtungen, Zeitlupe und Off-Stimmen. Immer wieder inszeniert sie Szenen, die schier bersten vor Elan. Der sympathische Geist von Truffaut spukt durch diesen Film.Julian Hanich

Cinema Paris, CinemaxX Potsdamer Platz, FT am Friedrichshain, Kulturbrauerei, Neues Off, UmU: Hackesche Höfe

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