Kultur : Nicht aufhören zu malen!

Chronist der Bundesrepublik, Staatskünstler und Bürgerschreck: zum Tod von Jörg Immendorff

Christina Tilmann
Jörg Immendorff
Jörg ImmendorffFoto: ddp

Letzte Auftritte: Mitte Januar 2007, Jörg Immendorffs Atelier in Düsseldorf, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist mit dem ICE aus Hannover angereist, um persönlich das Staatsporträt zu begutachten, das der todkranke Maler in seinem Auftrag für die „Ahnengalerie“ im Bundeskanzleramt malte. Mit dabei: Immendorffs Ehefrau Oda und Bild-Chef Kai Diekmann. Der Künstler selbst, im Rollstuhl, hält sich im Hintergrund. Doch das Lob, die Aufmerksamkeit tut ihm offensichtlich wohl. Und es ist auch ein Coup, eine Frechheit, ein Wurf, dieses Bild: Der Ex-Bundeskanzler im Stil eines antiken Cäsaren, im edlen Bronzeton gehalten, überlebensgroß. Immendorff, der Politrebell, wilde Expressionist und scharfe Kritiker der bundesrepublikanischen Politikszene, nun als zahmer Staatskünstler und Kanzlerfreund? Den kleinen Affen am Bildrand übersieht man leicht.

Auch bei der Eröffnung der großen Immendorff-Retrospektive „Male Lago“ im September 2005 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin stand nicht der Künstler, sondern Gerhard Schröder im Mittelpunkt: Der Kanzler ließ es sich, wenige Tage nach der Bundestagswahl, mit noch unentschiedenem Ausgang, nicht nehmen, persönlich die Ausstellung seines Künstler-Freundes zu eröffnen. Blitzlichtgewitter, Massenauflauf am Eingang, die Medien umschwirren den Noch-Kanzler Schröder, es sind beileibe nicht nur Kunstfreunde gekommen. Immendorff selbst lässt sich nur kurz sehen, bleibt im Schatten des Kanzlerglanzes. Die spekakulär inszenierte Ausstellung, finanziert vom Kreis der Freunde der Nationalgalerie, wird kein Massen-Erfolg – aber eine späte, nachgeholte Ehrung.

Und noch einmal Berlin, noch einmal Medienrummel, Blitzlichtgewitter: Die Galerie Contemporary Fine Arts in den Sophie-Gips-Höfen in Mitte zeigt im Herbst 2003 eine Immendorff-Ausstellung, wenige Monate, nachdem der schwerkranke Maler in Düsseldorf nach einer Nacht in einem Nobelhotel mit Koks und Prostituierten in die Schlagzeilen und vor die Schranken der Justiz gekommen war. Eine Bewährungsstrafe und die zeitweilige Beurlaubung als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie waren die Folge, Immendorff selbst hat den von der Regenbogenpresse genüsslich ausgeschlachteten Vorfall mit seiner durch die Krankheit gesteigerten „Lebensgier“ erklärt. Der Richter hatte die Verhandlung wie einen öffentlichen Schauprozess des verklemmt-rachsüchtigen Spießbürgers gegen den Mythos des luxuriös-lasterhaften Künstlers geführt. Überflüssige Demütigung eines von der Krankheit gezeichneten Mannes.

Szenen eines Künstlerlebens, Glanz und Elend, Licht und Schatten, dicht wie selten beieinanderliegend. Kein anderer deutscher Künstler, ausgenommen vielleicht Martin Kippenberger, hat in den letzten Jahren so viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Eine Aufmerksamkeit, die sich zu gleichen Teilen aus dem voyeuristischen Interesse an Skandalberichten, Gerichtsverfahren und Krankheitsdiagnosen speiste – und aus Hochachtung ob des trotz alledem unverdrossen fortgeführten Lebenswerks. Nun ist Jörg Immendorff, im Alter von 61 Jahren, am frühen Pfingstmontagmorgen zu Hause in Düsseldorf gestorben.

Selbst Hand anlegen konnte der Künstler zuletzt nicht mehr: Die durch die 1997 diagnostizierte tödliche Muskelkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) verursachte Lähmung des linken Arms zwang Immendorff, zunächst mit rechts weiterzumalen, bis er schließlich, nach Entwurfsskizzen am Computer, die Ausführung seiner Bilder ganz Schülern und Assistenten überlassen musste. Doch seiner Produktivität hat das ebenso wenig geschadet wie die Negativ-Schlagzeilen während des Kokain-Prozesses. Es scheint, als ob das Malen gegen die Zeit Immendorffs Trotz, seinen Lebensmut noch einmal beflügelt hat: ein Malen als „Jetzt erst recht“. „Die Krankheit ist am Ende nur eine andere Möglichkeit unserer selbst“, hat er in einem Interview vor einem Jahr gesagt.

Eine Vielzahl von oft großformatigen Bildern ist so entstanden. Immer stärker hat der Künstler zuletzt auf kunstgeschichtliche Vorlagen zurückgegriffen, auf die Bibel, mittelalterliche Holzschnitte, barocke Vorlagen. Es sind Mementi mori, diese späten Bilder, die gleichzeitig von erstaunlich leichthändiger Heiterkeit zeugen. Der Tod malte immer unübersehbarer mit.

Dass dieser Maler, der in den Sechzigern begonnen hat als Protestkünstler, Happening-Veranstalter und Bürgerschreck, einmal ein Staatskünstler und Malerfürst werden würde, war nicht abzusehen – oder vielleicht doch? Das große Ego hat er immer schon gehabt, das ungebrochene Selbstbewusstsein, auch das coole Machotum, hat den Zampano mit Lederjacke, Rolex, Goldkette und protzigen Fingerringen gegeben, auf wilden Künstlerpartys im „Ratinger Hof“ oder im „La Paloma“, seiner Künstlerbar in Hamburg-St. Pauli. Auch in Begleitung seiner wesentlich jüngeren Frau, der bulgarischen Malerin Oda Jaune, hat er gern den schillernden Partylöwen gemimt – Feste in Immendorffs Atelier waren Society-Ereignisse erster Klasse.

Doch in die Wiege gelegt worden war ihm nichts, dem Sohn eines Soldaten und einer Sekretärin, der am 14. Juni 1945 in der Nähe von Lüneburg geboren wurde – außer der deutschen Geschichte und der aus ihr resultierenden deutschen Teilung, die Immendorff obsessiv beschäftigen sollte. Talent allerdings beweist Immendorff schon als Kind, malt als erste Tat als 16-Jähriger in Bonn einen Jazzkeller aus. Doch die ersten Versuche ab 1963 als Kunststudent bei dem Bühnenbildner Theo Otto, ab 1964 dann bei Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf enden rasch: Wegen dadaistischpolitischer Aktionen wie der vom Kultusminister verbotenen „LIDL-Akademie“ wird er 1968 von der Akademie verwiesen, arbeitet danach jahrelang als Kunstlehrer an einer Düsseldorfer Hauptschule, gibt sich als Maoist, marschiert mit einem schwarz-rot-goldenen Klotz am Bein vor dem Bundeshaus in Bonn auf und ab, gründet ein Büro gegen die Kommerzialisierung der Olympiade 1972 – und die Mieterinitiative „Selbsthilfe Wohnen“. „Hört auf zu malen!“ ist eines seiner bekanntesten Werke aus dieser frühen Zeit – der Schriftzug schnell auf die Leinwand geschmiert und mit einem entschiedenen Kreuz wieder ausgestrichen.

Er selbst hat sich an die Parole nicht gehalten, hat bald nach 1970 wieder zu malen begonnen, offen agitatorische Propaganda, die Motive oft zitiert aus der KPD–Zeitung „Rote Fahne“. 1972 wird er von Harald Szeemann auf die Documenta 5 eingeladen, befreundet sich 1976 mit dem Dresdner Maler A. R. Penck, mit dem ein reger Künstleraustausch über die innerdeutsche Grenze hinweg beginnt und mit dem er in Düsseldorf dann die Künstlergruppe der „Jungen Wilden“ gründen wird. Legendär schließlich sein Bilderzyklus „Café Deutschland“, der zwischen 1977 und 1983 entsteht: die 19 Werke zeigen einen an den Künstlertreff „Ratinger Hof“ erinnernden, dunkel-mythischen Ort, an dem sich Künstler- und Politprominenz einfindet, neben Bundesadler, Geschütztürmen und Berliner Mauer. Mit diesen Bildern wird Immendorff in den 80er Jahren international zunehmend populär, erhält Lehraufträge an den Kunstakademien von Stockholm, Hamburg, Zürich, Trondheim, Köln, Frankfurt und auch an seiner Heimathochschule Düsseldorf.

Auch Koks wird im „Café Deutschland“ über den Tisch gegangen sein, Prostituierte haben sich sicher unters Volk gemischt, spießige Richter auch, alles ist schon mal da gewesen. Es sind ins Dämonische überhöhte, an Otto Dix erinnernde Momentaufnahmen aus der Zeit der reifen Bonner Republik, die auch Immendorffs große Zeit war. Als Chronist dieser Ära wird Jörg Immendorff auch dann noch in den Geschichts- und Kunstgeschichtsbüchern stehen, wenn seine späte Verherrlichung der Schröder’schen Cäsarenzeit längst nur noch ein Witz der Geschichte ist.

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