Kultur : Nicht der Verachtung wert

Steffen Richter

wünscht sich Literaturdebatten diesseits der Rente Es ist schon bemerkenswert, dass hierzulande für große Literaturdebatten meist Schriftsteller im Pensionsalter zuständig sind: Christa Wolf, Günter Grass oder Martin Walser. Frankreich hat es besser. Dort versorgt Monsieur Houellebecq (Jahrgang 1958) die Grande Nation regelmäßig mit Skandalstoff. Sein letzter Roman wurde in einer großen französischen Zeitung schon verrissen, bevor er in die Läden kam. Und das, obwohl nur wohlmeinende Kritiker Rezensionsexemplare erhalten hatten. Nun liegen Buch- und Zeitungsverlag im Clinch, der Autor schimpft wie ein Rohrspatz.

Was den Roman „Möglichkeit einer Insel“ (DuMont) angeht, urteilt die deutsche Literaturkritik ziemlich einmütig: nicht der Rede wert. Wer Michel Houellebecq dennoch erleben möchte, kann am 16.9. ins Kino Babylon kommen (21 Uhr). Dort erzählt der ewige Misanthrop und Verachtungsartist, unterstützt vom Schauspieler Martin Wuttke, von einer Welt, die von geklonten Neo-Menschen in der 25. Generation bewohnt wird. Es geht, wie üblich, um die Unmöglichkeit von Glück und die Verheißungen der körperlichen Liebe, von denen man im Alter (also als Mittvierziger!) ausgeschlossen ist. Rücksichten und Tabus, wie üblich, kennt Houellebecq nicht. Nur scheint sein Provokationspotenzial mittlerweile erschöpft. Politische Korrektheit mag das Literarische ruinieren, doch politische Unkorrektheit erzeugt noch keine Literatur. Aber mit der hatte der formal eher schlicht agierende Houellebecq noch nie viel am Hut.

Da lob ich mir doch einen wirklichen alten, weisen Mann: Dieter Wellershoff . In den Sechzigern hatte er auch Houellebecqs Frankreich im Blick, als dort noch echte Innovationen die Tagesordnung bestimmten. Als er die so genannte „Kölner Schule“ gründete und einen „Neuen Realismus“ propagierte, stand jedenfalls auch der Nouveau Roman Pate. Als Erzähler, Verlagslektor und literaturtheoretisch heller Kopf war Wellershoff über Jahrzehnte eine prägende Figur der bundesdeutschen Literatur. Am 14.9. kommt er mit seinen Erzählungen „Das normale Leben“ (KiWi) ins Literarische Colloquium (20 Uhr). Wie dieses „normale Leben“ aussieht, wenn alle Normen weggebrochen sind, interessierte Wellershoff von Beginn an. Nur hat er – im Unterschied zu einigen Kulturkritikern unserer Tage – die Normlosigkeit immer auch als Freiheit begriffen, die gestaltet werden kann.

Wie die politische Zukunft der nächsten Jahre gestaltet werden könnte, wird am 15.9. in Britta Gansebohms Salon diskutiert (20 Uhr, BKA-Theater). Und zwar anhand von Rainer Pörtners Sachbuch „Joschka Fischers Pollenflug und andere Spiele der Macht “ (S. Fischer) sowie der im Politiker-Milieu angesiedelten Romane von Susanne Fengler „Fräulein Schröder“ (Gustav Kiepenheuer) und Jörg Thadeusz’ „Alles schön“ (KiWi). Ob die im Allgemeinen politisch zurückhaltenden Mittdreißiger der „Generation Zuversicht“ („Stern“) konkrete Wahlempfehlungen aussprechen, ist zweifelhaft. Denn wer organisiert derzeit wieder einmal die intellektuelle Unterstützung für die SPD? Natürlich Günter Grass.

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