• Nicht Fisch, nicht Fleisch - Der italienische Elektronik-Künstler zu Gast bei Rafael Vostell

Kultur : Nicht Fisch, nicht Fleisch - Der italienische Elektronik-Künstler zu Gast bei Rafael Vostell

Elfi Kreis

Das digitale Zeitalter beruht auf dem Binärcode. Er kennt nur zwei Zustände: O und 1, Ja oder Nein, An oder Aus. Auf Zweifel, Zwischentöne, emotionale Verhaltenweisen sind computergesteuerte Systeme (noch) nicht programmiert. In diesem Spannungsfeld steckt Costantino Ciervo sein Arbeitsfeld für ethische, politische und philosophische Fragestellungen ab.

Auch die interaktiven Installationen und kinetischen Objekte des 1961 in Neapel geborenen Künstlers, der seit 16 Jahren in Berlin lebt, basieren auf dem dualen Code. Lichtschranken oder Bewegungsmelder setzten sie in Gang. Drähte und Kabel liegen blank. Über einen von seinem Gehäuse befreiten Monitor flimmern Videobilder: Ciervo seziert die elektronischen Innereien der Technik. Die bloßgelegten Nervenstränge einer oft als "seelenlos" apostrophierten Welt sind dabei nur die eine Seite seiner Arbeiten. Den Gegenpol bildet die Ebene filmischer und fotografischer Bilder, in dem sich das soziale, politische, ökonomische Umfeld des Menschen spiegelt.

Anfangs bildeten Schwarzweiß-Aufnahmen der Baustellen am Potsdamer Platz die Hintergrundfolie seiner Installationen, die auf Bewegungen des Betrachters reagieren. Im kinetischen Bild "Zenit" (12 000 Mark) vermisst ein Stahllineal den Himmel über dem Reichstag. Bei "Archäikum - noch ohne Leben" führen Fahrradketten chirurgische Pinzetten auf ihre Kreislaufbahn vor das Niemandsland der Baugruben. Neuerdings aber rückt Ciervo seine Kameraufnahmen stärker in den Vordergrund. An Stelle der Berliner Stadtlandschaften treten nun Bilder des Menschen, zunächst nur von Körperteilen. "Arrythmie" (25 000 Mark), Herzrhythmusstörung, zeigt Handinnenflächen, die irritieren. Etwas stimmt da nicht: Es sind gespiegelt zwei linke Hände. Kommt man ihnen zum Greifen nah, erzeugen Ringtransformatoren und Kupferdrahtspulen elektromagnetische Felder, deren Strom Alarmglöckchen schrillen läßt.

Quo vadis, homo sapiens? fragt Ciervo. Als Antwort bietet er Assoziationsplattformen an. Es bleibt Sache des Betrachters, eigene Fragestellungen zu entwickeln. Bei "Veramente" haben Lügen keine kurzen Beine, sondern lange Pinocchio-Nasen. Eine monotone Stimme verliest Gegensatzpaare: "Vom Krieg zum Frieden, von Lüge zur Wahrheit, vom Tod zum Leben, von Haß zur Liebe ..." und retour "Vom Frieden zum Krieg, von Wahrheit ...". Die Nase auf dem Monitor aber wächst. Also alles Lüge?

Ciervo ist Elektriker, studierte in Neapel Ökonomie und Politik, bevor er an der Berliner TU Philosophie und Kunstwissenschaft belegte. In der für seine dritte Ausstellung bei Rafael Vostell titelgebenden Arbeit "Zeit 1 - Zeit 2" (30 000 Mark) wird das fotografische Abbild des Menschen zum Angelpunkt. Mit digitalen Mitteln am Computer bearbeitet, entwirft Ciervo ein Vexierbild zwischen Realität und Fiktion, eine kafkaeske Verwandlung: die Metamorphose vom Mann zum Fisch. Ein Schelm, wer dabei nicht an Gentechnik denkt, sondern mit feministischem Spott auf Gedankenabwege an die wahre Fischnatur des Mannes abgleitet. Fest steht, Ciervo verklammert Vergangenheit und Zukunft, Archaisches mit Futuristischem. Er dreht das Rad der Evolutionsgeschichte zurück bis zu jenem Frühstadium, als das Leben aus dem Wasser stieg und seinen ersten Landgang unternahm. In seiner Vision der Rückentwicklung mit Blick nach vorn liegen Faszination und Abschreckung nah beieinander. Parallel läßt Ciervo Wasser in Eimer fließen. Anders als beim Zauberlehrling quillt dabei nichts über. Im Gegenteil, die Eimer werden niemals voll. Etwas geht nicht auf in den klaren, der Zahlenlogik von 0 und 1 unterworfenen Maschinerien Ciervos. Stets baut er Sollbruchstellen ein, bleiben Unwägbarkeiten. Und sei es der Mensch selbst, der als Störfaktor im reibungslos funktionierenden System auftritt. Der schwer kalkulierbar reagiert, weil er außer Verstand auch noch Gefühle hat. Darum dreht sich Ciervos Kunst.Fine Art Rafael Vostell, Knesebeckstr. 30, bis 13. Mai. Montag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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