Kultur : Nicht flennen, rennen!

Er heißt Bosse, greift nach dem Pop-Ruhm und sagt: „Ich bin ehrlich“

Katharina Wagner

Er springt auf, stürmt aus dem Haus, läuft die Straße hinunter, rennt und rennt, rennt, rennt, fast ein wenig verbissen, aber den Blick zuversichtlich nach vorne gerichtet. Dazu Musik, schnell und laut. Das Schlagzeug scheint den Rhythmus der über den Asphalt fliegenden Füße zu verdoppeln. „Ich streck dir meine Kraft entgegen, Stillstand ist Vergangenheit“, tönt es aus dem Hintergrund. Die Wörter begleiten den Läufer, feuern ihn an.

Die Stimme dazu gehört Bosse, und der Läufer, das ist auch Bosse. Dunkelblonde Haare, ein paar verirrte Locken, dunkle Augen, ausgewaschene Jeans, Kapuzenpulli. Eigentlich heißt er Axel Bosse. Und normalerweise sprintet der 25-jährige Wahlberliner aus Braunschweig nicht quer durch die Stadt. Doch beim Videodreh für seine Debütsingle „Kraft“ blieb ihm nichts anderes übrig: „In diesem Video wollte ich einfach nur rennen. Denn das ist das Gefühl, das ich bei diesem Song habe“, sagt er und zündet sich eine Zigarette an.

Meistens stand Bosse in der letzten Zeit mit diesem Lied auf der Bühne, im April im Berliner Magnet-Club. Da rief, sang, brüllte er Sätze wie „Für immer bleib ich hier und kämpfe/ Und diese Hoffnung wird nie krank.“ Schleuderte seine Gedanken aus sich heraus, schickte Melodien hinterher. Mitreißend, fordernd. Rebellisch, aber vor allem optimistisch. Viel E-Gitarre, Bass und Schlagzeug – Rockmusik eben. Ab und zu mischten sich ein paar Synthesizer-Klänge darunter.

Bei Konzerten verausgabt er sich, als würde er für eine Kamera über die Straße rennen, rennen, rennen. „In solchen Momenten denke ich, ich bin in diesem Song“, sagt er. „Wenn ich morgens aufstehe, dann habe ich Musik in mir. Die Songs passieren mir einfach. Für mich ist Musik so ein Stimmungsding.“ Und er fügt hinzu: „Aber jetzt habe ich festgestellt, dass es auch echt Arbeit sein kann.“ Er grinst.

An diesem sonnigen Vormittag sitzt Bosse entspannt in einem Friedrichshainer Café. Falls er Stress hat, ist ihm das nicht anzumerken. „Im Moment ist Promo angesagt, bis der Arzt kommt!“ Zuckt mit den Schultern, lacht. Er wirkt nicht wie jemand, der an diesem Tag noch sieben weitere Termine vor sich hat. Er wirkt auch nicht wie jemand, bei dem in der letzten Zeit viel passiert ist, und zwar rasend schnell: Die erste Single erschien im März, Konzerte in ganz Deutschland alleine mit seiner Band oder als Vorgruppe von Such a Surge, das erste Album „Kamikazeherz“ erschien Ende April bei einem großen Label (EMI), seitdem Fernsehauftritte. Lässig zurückgelehnt trinkt er einen Schluck Milchkaffee und erzählt.

Texte schreibt er schon, seit er zwölf ist: Gedichte, Theaterstücke und Liedtexte für seine erste Band. Nach der zwölften Klasse brach er die Schule ab, um Musik zu machen und zu schreiben. „Den Durchbruch“, so sagt er, „den hatte ich in Spanien, zumindest, was meine Texte betrifft. Schneller, als ich dachte, hatte ich über 30 Nummern fertig.“ Spanien, das war vor vier Jahren. Wieder zurück in Deutschland, kratzte Bosse sein letztes Geld zusammen, zog nach Berlin, machte ein paar CDs und verschickte seine Songs. Dann war das Geld weg. Plötzlich waren Plattenfirmen da. Ganz einfach.

Und einfach klingt auch das erste Album: Da sagt jemand laut und deutlich, was er will, von sich, vom Leben, von der Welt, die ihn umgibt. Überzeugt davon, dass es immer irgendwie weitergehen wird. Längst vergessener Idealismus in einer entzauberten Welt. Aber nicht nur. Dazwischen Songs, die „Diese Tage sind verloren“ heißen: „Und in der Welt, die ich besuche, stimmt alles auf den ersten Blick. Auf den zweiten bricht alles ein“, singt Bosse. Trotzdem vergessen selbst solche Aussichten nie zu versichern, dass sich Verzweiflung, Zorn, das Dunkle auch wieder besänftigen werden. Axel Bosse sagt dazu: „Manchmal ist mein Songwriting so ehrlich, dass ich es selbst nicht glauben kann. Es hat auch nichts mit mir zu tun. Meine Musik ist ehrlich und ehrlich, viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Der Milchkaffee ist ausgetrunken, der nächste Termin wartet, so geht das jetzt die ganze Woche. „Ich bin im Moment sehr zufrieden. Ich möchte jetzt einfach ein gesundes Musikerleben führen: Konzerte geben, Leute kennen lernen, Spaß haben, Songs veröffentlichen.“ Es ist wie ein Dauerlauf.

Bosse spielt morgen im Frannz-Club (Schönhauser Allee 36), 20 Uhr.

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