Kultur : Nicht ganz koscher

Am Anfang war Superman. Die Galerie Neurotitan würdigt Geschichte und Gegenwart jüdischer Comic-Zeichner

Bodo Mrozek

Kurz bevor der Planet Krypton explodiert, gelingt es den Kryptoniern, ein Baby in einer Kapsel ins All zu schießen. Der letzte Kryptonier landet auf dem Planeten Erde. Ein Menschenpaar zieht ihn auf. Doch in der Pubertät entfaltet das Waisenkind ungeahnte Kräfte: Es kann fliegen, mit seinen Blicken Metall schmelzen und mit bloßen Händen Autos durch die Luft schleudern. Wegen seiner guten Erziehung stellt der Außerirdische seine Superkräfte in den Dienst der Menschheit und bekämpft fortan in einem blau-roten Strampelanzug das Böse. Die Erdlinge nennen ihn Superman.

Als sich die jugendlichen Zeichner Jerry Siegel und Joe Shuster im Jahre 1933 diese Geschichte ausdachten, schufen sie einen modernen Ursprungsmythos. Bei den Zeitgenossen stießen sie jedoch auf Unverständnis. Sie hatten den Charakter des Supermannes für ein relativ junges Medium entwickelt: den Comic-Strip. Die Zeitungssyndikate lehnten die Idee als „zu realitätsfremd“ ab. Erst der Verleger Harry Donenfeld veröffentlichte die Abenteuer des Superman 1938 gegen 130 Dollar Honorar in seinem neu gegründeten Heft „Action Comics“.

Der Höhenflug des Superman aber übertraf alle Erwartungen: Bald kämpfte „der Stählerne“ im Radio, im Fernsehen und auf der Kinoleinwand. Das erste deutsche Superman-Comic erschien 1950. Die Tatsache, dass Siegel und Shuster erst 1978 als Urheber genannt und mit einer vergleichsweise kargen Rente entschädigt wurden, ist bekannt. Für ihre jüdische Herkunft hat man sich bisher weniger interessiert.

Die Ausstellung „Mit Supermann fing alles an“, von der Galerie Neurotitan mit Mitteln des Hauptstadt Kulturfonds realisiert, würdigt nun den Anteil von Juden an der Kunstform Comic. Und obwohl sich viele Zeichner des goldenen Zeitalters der Superheldencomics nicht explizit als jüdisch verstanden, sind doch viele Juden darunter. So hat man die Superman-Saga als Reaktion der Populärkultur auf den Nationalsozialismus interpretiert – und tatsächlich kämpfte Superman nicht nur im Heimatschutz gegen deutsche Saboteure, auch warb er für das Rote Kreuz und den Kauf von Kriegsanleihen.

Auch der Zeichner Will Eisner, geboren 1917 in Brooklyn, gehörte zur zweiten Generation jüdischer Einwanderer. Wie viele junge Emigranten stürzte er sich auf das neue Medium Comic. Für die Abenteuer seines maskierten Gangster-Jägers „The Spirit“ nutzte er als Stilmittel Techniken aus dem Film und brachte es zeitweise auf eine Gesamtauflage von fünf Millionen. In späteren Werken, wie der kurz vor seinem Tod 2005 entstandenen Graphic Novel „Das Komplott“ über die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“, beschäftigte er sich intensiv mit Judentum und Antisemitismus.

Nach dem Krieg brachen dürre Jahre für viele jüdische Zeichner an, und erst das Silver Age der Bildgeschichten brachte einen Aufschwung. Die neuen Helden waren oftmals Freaks wie die von Jack „The King“ Kirby und Stan Lee gezeichneten Fantastischen Vier aus dem Marvel-Verlag (die am Donnerstag Kino-Premiere haben). Kirby wurde 1917 als Jacob Kurtzberg in New York geboren, und Stan Lee hörte ursprünglich auf den Namen Stanley Martin Lieber.

Auch das 1952 gegründete „MAD“-Magazin, das anders als andere Comics die strenge Zensur der McCarthy-Ära überlebte und mit seiner eigentümlichen Symbiose aus Untergrundgrafik und abgründigen Texten ein völlig neues Medium schuf, hatte jüdische Väter. Die New Yorker Harvey Kurtzman, geboren 1925, und Al Feldstein waren prägende Herausgeber. Kurtzman zeichnete 1962 den erotischen Comic „Little Annie Fanny“ für den „Playboy“ – der Comic wurde erwachsen.

Art Spiegelman, der hierzulande wohl bekannteste jüdische Zeichner, hatte 1966 bei „MAD“ begonnen, bevor er sich der Avantgarde-Szene der Siebziger anschloss. Für seinen Comic „Maus“, in dem er den Holocaust zeichnete, erhielt er 1992 sogar den Pulitzer-Preis. Spätestens damit überwand der Comic sein Schmuddelimage und etablierte sich als arriviertes Medium der Gedächtniskultur. In der Ausstellung kann man auf großen Tafeln den lange vor „Maus“ im EC-Verlag entstandenen Comiczyklus „Master Race“ (1955) von Bernard Krigstein betrachten – ein frühes Beispiel für einen ernsten, historischen Comic aus Kurtzmans Verlag.

Den Weg für weibliche Zeichner ebneten die feministischen Bildgeschichten der Siebzigerjahre, etwa von Aline Kominsky – deren Lebenspartner Robert Crumb man übrigens in der Ausstellung gerne prominent vertreten sähe.Die ironischen Comics Alines handeln vom Widerstand gegen den Wunsch der Eltern, eine „Jewish Princess“ zur Tochter zu haben.

Heute üben viele Zeichnerinnen die Bilderzählung als Kunst aus. Die (nicht-jüdische) Zeichnerin Elke Steiner erlangte mit einem Comic das Diplom der Kunsthochschule Münster. Heute lebt sie in Berlin. In Zusammenarbeit mit dem israelischen Erzähler Etgar Keret entstehen Zyklen wie „Ich und Ludwig töten Hitler ohne Grund“ oder die Holocaust-Geschichte „Shoes“. Keret ist einer der umstrittensten Künstler in Israel.

Als Keret (geboren 1967 in Tel Aviv) innerhalb der israelischen Armee strafversetzt wurde, schrieb er Kurzgeschichten über den israelischen Alltag, die heute außerordentlich erfolgreich sind. Die von Elke Steiner umgesetzten Bildgeschichten seiner Short Stories gehören zu den wenigen Originalen der Ausstellung. Mit flächigem schwarzen Pinselstrich schneidet Steiner ihre Figuren aus einem monochromen Hintergrund. Bei den 1974 bei Tel Aviv geborenen Zwillingsbrüdern Asaf und Tomer Hanuka schließt sich der Kreis jüdischer Comic-Geschichte: In Israel verschlangen beide als Kinder „Superman“-Comics.

Von dessen Abenteuern begeistert, zeichneten sie selbst Comics und gründeten 2002 das Independent-Magazin „bipolar“. Die Cover des englischsprachigen Heftes sind auf der Höhe des Mediums: Alltag und Ängste verschmelzen in mal bitterbösen, mal bizarr depressiven Visionen. Mit Superheldentum haben sie nur noch wenig zu tun, im Gegenteil: Sie visualisieren die Probleme und Perspektiven der jungen Einwanderergeneration.

Nicht alle Comics sind spezifisch jüdisch oder setzten sich so deutlich mit dem Judentum auseinander, wie Ben Katchors „The Jews of New York“ (1998) oder eben die jüdische Erzählweise eines Art Spiegelman. Ob das Judentum als Schriftkultur eine besondere Nähe zum Comic hat, wie der Ausstellungstext mutmaßt, lässt sich schwer beantworten. Wahrscheinlicher ist, dass die Zeichner sich vom traditionellen jüdischen Bilderverbot emanzipierten.

So lässt sich auch die Frage nur schwer beantworten, ob Superman eigentlich Jude ist. Seine Schöpfer Shuster und Siegel hätten wahrscheinlich geantwortet, dass sich mit Sicherheit nur eines sagen lässt: Er ist Kryptonier.

„Mit Supermann fing alles an: Jüdische Künstler prägen den Comic“ bis zum 17. Juli bei Neurotitan, Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Str. 39 (Mitte). Mo., Mi. - Sa. von 12 bis 20; So 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar