Kultur : Nicht husten, Mimi!

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Jochen Jung über Festspielgenüsse im durchwachsenen Sommer

Neulich in Bregenz, La Bohème auf der Seebühne bei 14° Außentemperatur: Siebentausend Zuschauer, die Angst hatten, sich einen Schnupfen zu holen, während vorn eine arme Lungenkranke dahinsiechte. Das Pärchen neben mir hatte Kunstschauen wohl zuletzt auf dem heimischen Sofa geübt, jedenfalls ließen sie sich von der beginnenden Musik in ihrer kommentierenden Unterhaltung durchaus nicht stören. Erst als sie ihm bei Mi chiamano Mimi lauthals mitteilte: Du, hör mal, das ist jetzt ganz bekannt, hatte sie zwar recht, wurde dann aber doch so niedergezischt, dass zumindest in meiner Umgebung die Musik die Oberhand behielt.

So sind sie, immer noch. Und natürlich ist das schon hundertmal gesagt, aber wenn ich es jetzt und auf der Stelle nicht noch einmal sage, dann ersticke ich.

Also, die Schlimmsten sind wie eh und je die Huster. Und vor allem natürlich die, die gnadenlos warten, bis die Fortestelle vorbei ist und es pianissimo weitergeht. Dahinein detonieren dann diese Schrapnells als akustische Ohrfeigen. Und auch die mit den eingewickelten Bonbons. Damen im Zustand fortgeschrittener Taubheit, die mit sadistischer Langsamkeit das Lutschding aus seiner Knisterhülle wickeln, es dann im Mund gegen die dritten Zähne klicken, um dann das Papier knisternd wieder zusammenzufalten.

Im Wiedererstarken sind die Fächler, bedauerlicherweise auch das fast ausschließlich Damen. Egal, wo man sitzt, irgendwo im Augenwinkel registriert man garantiert dieses Gewachel und Gefächel, ein quälender Herd ständiger Unruhe, und ebenso garantiert immer im falschen Rhythmus. Also, wenn nur irgend etwas wahr ist an der Geschichte vom Schmetterling in Neuseeland, dessen Flattern Wirkung bis zu uns zeigt, dann fallen in diesem Moment in Australien sämtliche Kiwis von den Bäumen.

Am schlimmsten aber sind die, die gar nicht da sind. Deren Aufmerksamkeit den oberen Rängen gilt, der Beleuchtungsanlage, den Anzeigen im Programmheft, den eigenen Fingernägeln. Unter gar keinen Umständen aber der Musik. Oder wenigstens den Musikern. Ständig drehen sie den Kopf irgendwo hin und zeigen so Profil, ständig ändern sie die Beinstellung, ständig signalisieren sie: Wann ist hier endlich Schluss?!

Sie alle aber übertrumpft noch eine Spezies, die allerschlimmste. Vor ein paar Tagen war es, bei Verdis Requiem. Dreihundert auf der Bühne, Heulen und Zähneklappern, Posaunenschall wie vor Jericho und dazwischen der engelhafteste Schöngesang, aber alles für die Katz. Und den Kater, denn vor mir saß ein schwer verliebtes Pärchen, und es war furchtbar. Alle zwei Minuten drehte sich der eine zur anderen oder die andere zum einen, und das so lange, bis der/die andere ebenfalls den Kopf drehte und ich zwischen vier hervorquellenden Augen und einer Abart von Lächeln, sadistischem Grinsen nicht unähnlich, gerade noch die zweiten Geigen und ein Stück vom Chor wahrnehmen konnte.

Immerhin, beim Hinausdrängeln eine weibliche Stimme hinter mir: An ein paar Stellen hätte ich fast geweint.

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