Kultur : Nicht jeder Hohlraum klingt

Ein Lehrstück: Das Beispiel des Konzerthauses Dortmund zeigt, wie schwer es ist, auf dem freien Markt künstlerische Inhalte zu vermitteln

Frederik Hanssen

Die ganze Chose erinnert fatal an Frank Castorf und Recklinghausen: Nach der (über-)langen Ära Hansgünther Heymes bei den Ruhrfestspielen wollten die Festivalfinanziers mal so richtig Reformfähigkeit zeigen, holten sich Avantgarde-Kompetenz aus der Hauptstadt – und waren dann bass erstaunt, als Castorf gnadenlos dasselbe Provokationsprogramm durchzog wie an der Berliner Volksbühne. Nach nur einer Saison flog der Regisseur raus, und die Kulturszene lachte über die Provinzposse.

Auch Ulrich Andreas Vogt, der Intendant des Dortmunder Konzerthauses, war offensichtlich eine Nummer zu groß für die Lokalpolitiker. Dabei brachte er als Sohn der Stadt sogar den nötigen Stallgeruch mit: In der östlichsten der Ruhrpott-Metropolen hatte der 1952 geborene Vogt die väterlichen Gebäudereinigungs-Firma zu einem 1500-Mitarbeiter- Unternehmen aufgebaut. Doch er fühlte sich stets zur Kunst hingezogen, studierte parallel am Wochenende in Paris Gesang. Nach dem gescheiterten Versuch, sich 1994 zum künstlerischen Leiter des Stadttheaters wählen zu lassen, setzte sich Vogt an die Spitze einer Bewegung, die ein eigenes Konzerthaus für Dortmund forderte. Für fast 50 Millionen Euro entstand ein hypermoderner 1500-Plätze-Saal – und Vogt wurde im Herbst 2002 Gründungsintendant.

Mit einem anspruchsvollen Programm erwarb er sich schnell das Ansehen der überregionalen Presse – nur in der Stadt hörten die Mäkelein nicht auf. Irgendwie hatte man sich den neuen Kulturtempel an der Brückstraße, in einem schmuddeligen Viertel nahe des Bahnhofs, eher als Maßnahme der „Stadtreparatur“ vorgestellt, imagefördernd fürs Marketing. Und natürlich wollte die sechstgrößte Stadt der Bundesrepublik auch in der kulturellen champions league mitspielen.

Die Einzige, die sich stets offen zum Provinzialismus bekannte, war die Grünen-Politikerin Daniela Schneckenburger. Während SPD und CDU davon träumten, mal eben Köln Konkurrenz zu machen, forderte sie Sozio- und Jugendkultur auf Stadthallen-Niveau, Familenkonzerte statt hochklassiger Events. Als eine Kommunalwahl zur Verschiebungen in der politischen Plattentektonik führte, wurde ausgerechnet Schneckenburger zur Aufsichtsratsvorsitzenden des Konzerthauses gewählt. Gleichzeitig zogen sich die SPD-Politiker, die Vogt bislang unterstützt hatten, zurück. Entnervt machte Vogt von seinem Sonderkündigungsrecht zum 31. Juli 2005 Gebrauch. Die Stadt antwortete postwendend mit sofortiger Freistellung und ließ den Intendanten von vier Mann in sein Büro eskortierten, damit dieser nicht in letzter Sekunde Unterlagen beiseite schaffen oder vernichten konnte.

Von außen betrachtet hat Ulrich Andreas Vogt alles richtig gemacht. Er hat das Foyer für Passanten geöffnet, einen CD-Laden und ein Café eingerichtet. Er hat seine Steckenpferd-Projekte, einen composer in residence und ein renommiertes Gastorchester pro Saison sowie seine Reihe mit neuer Musik abgepuffert durch Populäres wie den Zirkus Roncalli und Marcel Marceau, durch Kinderkonzerte mit Norbert Blüm und eine Christmas Show nach New Yorker Vorbild. Die Rechnung ging auf: In der Saison 2003/2004 lag die durchschnittliche Auslastung bei respektablen 70 Prozent.

Leider aber hatte sich Vogt von der Stadt eine Soll-Auslastung von 85 Prozent aufs Auge drücken lassen. In den Statistiken des Bühnenvereins findet sich diese Zahl als Durchschnittsauslastung im Sinfoniekonzerte-Sektor. Doch sie bezieht sich auf die Abo-Reihen der städtischen Orchester, nicht auf den Ganzjahres-Spielbetrieb eines autonomen Konzerthauses. Auch die Dortmunder Symphoniker haben sensationelle Besucherzahlen. Eigentlich, so kann man rückblickend feststellen, wollten die Politiker nicht mehr als eine eigene Spielstätte für ihr Orchester. Doch der Trumpf des Intendanten waren die Eigenveranstaltungen. Nur damit kann ein Haus Profil erlangen. Das sieht man selbst in Berlin: Auch das Konzerthaus am Gendarmenmarkt muss seinen Saal vermieten, um die vom Senat geforderten Eigeneinnahmen erbringen zu können.

In Dortmund stehen die Zeichen jetzt auf Vermietung. Von 120 sollen die Eigenveranstaltungen auf 90 eingedampft werden. Benedikt Stampa, Vogts Nachfolger, kennt sich damit aus. Er hat die Hamburger Laeiszhalle geleitet, die fast ausschließlich mit durchreisenden Gästen bespielt wird. Der Wechsel nach Dortmund kommt dem 39-Jährigen gelegen – denn der Hamburger Senat hat gerade den Bau eines Konkurrenzhauses zur Laeiszhalle beschlossen: Auf dem Dach eines Hafenspeichers soll bis 2009 nach einem Entwurf von Herzog & de Meuron die „Elbphilharmonie“ entstehen. Kostenpunkt: 120 Millionen Euro. Ziel: in der champions league mitspielen. Auch in Aachen, Bochum, Duisburg, Münster und Gelsenkirchen wird derzeit über den Bau eigener Konzerthäuser diskutiert.

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