Kultur : "Nicht kalt genug": Nietzsches letzten Jahre als Roman

Eva Leipprand

Nietzsche-Jahr. Ausstellungen, Abhandlungen, Analysen. Die Welt feiert den hundertsten Todestag des Denker-Titanen. Gleichsam im Auge des Taifuns hat Bernhard Setzwein einen kleinen intensiven Roman geschrieben, "Nicht kalt genug", der den Giganten aus intimer Alltagsnähe zeigt, seine Gedanken denkt, durch seinen Mund spricht. Ziemlich gewagt, aber gelungen. Konzentriert und mit scheinbar leichter Hand gibt das Buch eine Ahnung vom Kern des Menschen Nietzsche und seiner Philosophie mit ihren Brüchen und Extremen.

Der formal sehr geschlossene Text beschränkt sich auf Nietzsches Sommeraufenthalte im hochgelegenen Sils Maria, in den Jahren vor seinem Zusammenbruch 1889. Der Professor, halb blind und eigentlich gar nicht Reise fähig, ist gequält von Migräne und der Unfähigkeit, seine eigene große "Stahl kalte Philosophie" tatsächlich zu leben, sich mit Rücksichtslosigkeit "hinauf ins Höhere zu veredeln", obwohl es ihm hier oben endlich klar und kalt genug ist für sein Denken. Er hat sich im Dorf bei dem Bauern Gian in einer dunklen Kammer eingenistet, um seine letzten großen Werke niederzuschreiben. "6000 Fuß über der gewöhnlichen Ameisengeschäftigkeit der Menschen" hat er manchmal das "Gefühl, dem Irrsinn nahe zu sein". Wenn seine schlechten Augen die eigene Schrift nicht mehr entziffern können, geschieht die "Umwertung aller Werte" als "Umdrehung aller Worte". Er will, wie so oft, mit der Mutter und der Schwester brechen, schneidet dann aber doch die Wurst aus dem Paket in Rädchen, die er eins nach dem anderen hinter seinen Schnauzbart schiebt, so gierig, dass ihn dann wieder drei Tage die Kopfschmerzen beuteln und die Weinkrämpfe schütteln.

Aus der Diskrepanz zwischen dem erhabenen Anspruch und der elenden Wirklichkeit schlägt Setzwein, trotz Ironie, kein billiges Kapital. Sein Professor ist skurril, aber keine Karikatur. In den Gesprächen mit Gian und dessen kleiner Tochter Adrienne gelingt die Verständigung nicht intellektuell, aber doch auf der Ebene des Gemüts. Bei Gian ist er gut aufgehoben, der Professor, da darf er die Wände anschreien und wird trotzdem mit Respekt behandelt. Und auch wenn Gian nichts anfangen kann mit den ihm vorgetragenen Dionysos-Dithyramben und noch weniger mit des Professors Selbstüberschätzung, so bleibt doch die Schönheit der zitierten Verse unbeschädigt. Das Denken am Rand des Wahnsinns, endgültig vom Boden abgehoben, ist große Dichtung geworden.

Bernahrd Setzwein war in den verschiedensten literarischen Bereichen tätig, wurde 1998 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur ausgezeichnet. Seine Sprache hat sich, auch auf dem Weg über die Mundart, zu einem zugleich behutsam und präzise zupackenden Instrument entwickelt. Eine feine Schlichtheit im Ton gibt hier die Sicht der Dorfleute wieder, passt aber auch zu dem der geistigen Umnachtung zusteuernden Philosophen, dessen titanische Hilflosigkeit hier ihre kindliche Seite offenbart und Mitleid weckt mit dem, der sich das Mitleid, obwohl er es fühlt, nicht gestatten will.

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