Kultur : Nicht malen – machen

US-Kunst der 60er Jahre bei Kienzle und Gmeiner

Inge Pett

Die Malerei ist tot, hieß das Credo der sechziger Jahre in New York. „So what?“, fragte sich eine Gruppe junger Künstler – und malte. Malte, was das Zeug hielt, experimentierte und entwickelte neue, radikale Definitionen des Mediums. Die Galerie Kienzle und Gmeiner zeigt acht dieser Maler, die zwischen 1967 und 1975 die Kunstszene aufmischten – eine Übernahme aus New York, wo Galerist Jochen Kienzle die Ausstellung 2006 gesehen und nun nach Berlin gebracht hat.

Bei dem Werk „Sagetario“ von 1972 ließ der Argentinier Cesar Paternosto die weiß grundierte Leinwand unberührt und versah stattdessen die linke und rechte Außenkante des bespannten Keilrahmens mit bunten Farbfeldern. Indem er die schmalste Seite des Bildträgers für seine Malerei wählte, führte er die traditionelle Betrachtung von Kunst ad absurdum: „Ich hatte immer das Gefühl, dass ein Gemälde größer ist als seine Konturen, dass es ein Feld oder eine Kraft hinter sich hat.“

Wie Paternosto, der mit der reinen Leinwand die Abstraktion konsequent zum Nullpunkt brachte, wehrte sich auch Harriet Korman gegen die minimalistische Ideologie des Mainstream. In Abgrenzung zu Künstlern wie Agnes Martin verweigerte Korman jegliche Perfektion und betonte den handwerklichen Aspekt, indem sie mit Acrylfarbklecksen und unregelmäßigen Linien bewusst Spuren des Malens auf der Leinwand hinterließ.

Von sensibler Poesie ist eine in Ölfarbe getränkte steife Leinwand von 1971, in die Louise Fishman verknüpfte Schnüre einfügte. Die Feministin knüpft damit sprichwörtlich an traditionelle weibliche Handarbeiten an. In einer weiteren Arbeit von 1974 bricht Fishman das gängige rechteckige Format auf und beschneidet es, wobei sie die Schnittstellen offensiv zur Schau stellt. Mit einem Spatel verleiht sie der Oberfläche Leben.

„Ich spreche nicht davon, ein Gemälde zu malen, sondern zu machen“, so der Künstler Jack Witten. „Das Verb ist nicht malen, sondern machen.“ In seiner Arbeit von 1974 fügt er der Leinwand tiefgehende Verletzungen zu. Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion sind die Themen, die sein Werk beherrschen.

Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft im liberalen Wandel änderte sich Ende der sechziger Jahre auch die Kunst. Verletzungen, Auslassungen, aber auch Materialien wie Latex oder der Einfluss neuer Medien prägten das Gesicht der Malerei nachhaltig.

„Short Distance To Now“ lautet der Titel der Ausstellung. Eine Distanz jedoch ist nicht zu spüren – auch heute noch besitzen die einst visionären Arbeiten eine verblüffende Strahlkraft und Frische. Inge Pett

Galerie Kienzle und Gmeiner, Bleibtreustr. 54; bis 26.9., Di-Sa 14-19 Uhr. Finissage am letzten Abend ab 19.30 Uhr.

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