Kultur : Nicht mit der Liebe spielen

JÖRG KÖNIGSDORF

Vielleicht hat Maria Callas doch vergeblich gekämpft.Denn trotz aller Bemühungen der Jahrhundertsängerin um die Psychologisierung des Belcanto ist Gaetano Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" in der breiten Öffentlichkeit das geblieben, was sie seit über hundert Jahren war: Ein Vehikel für eine koloraturzwitschernde Diva, garniert mit einigen hübschen Ensembleszenen und einer sentimentalen Tenorarie am Schluß.Die großen Opernhäuser beschränken sich meist darauf, Donizettis Walter-Scott-Adaption in plüschigen Uraltinszenierungen auszustellen, fast alle Regisseure machen um das Stück einen großen Bogen.In Berlin hatte zuletzt Harry Kupfer das Zerbrechen einer ungewöhnlich leidenschaftlichen Lucia an der Brutalität einer faschistoiden Männergesellschaft gezeigt und dem erzromantischen Stoff jegliche Romantik ausgetrieben.

An der Hamburger Oper wagt jetzt der Franzose Olivier Tambosi einen Blick auf das Stück, ohne daß ihm dabei mehr gelingt als eine ansprechende, ästhetisch einigermaßen zeitgemäße Bebilderung.Denn am zentralen Konflikt der Lucia scheitert auch er: Für die tristaneske Utopie der beiden Liebenden, ein Glück gegen alle gesellschaftlichen Widerstände erkämpfen zu können, findet Tambosi genauso wenig Chiffren wie Kupfer, der uniformstarrenden Dominanz der Massenszenen kann er kein positives Ideal gegenüberstellen.Wenn Edgardo zu seiner Lucia durchs Fenster krabbelt, verändert sich auf der Bühne erst mal gar nichts.Die einzige Geste, die Tambosi hier einfällt, um die Zusammengehörigkeit der Liebenden zu demonstrieren, ist ein Tausch beider Uniformmäntel.Eine beliebte Regietheater-Geste, die gerade hier das Pauschale von Tambosis Zugriff offenlegt: Wird doch so angesichts der sorgfältigen farblichen Trennung der beiden verfeindeten Adelsclans - camouflagegrün Lucias Familie, die Ashtons, rostrot Edgard von Ravenswood - der Versuch, die verbotene Liebe geheimzuhalten, ad absurdum geführt.

So bleibt die Inszenierung Stückwerk, das von Frank Philipp Schlößmann suggestiv verschachtelte Schloßinnere wird mit bloßer Darstellungskonvention gefüllt.Blicke unter die Stückoberfläche wagt Tambosi nur sporadisch, schlüssige Charaktere kann er nicht zeichnen.Lucias Bruder Enrico treiben inzestuöse Gedanken um, der gefesselten Schwester möchte er gern die Schenkel öffnen.Zugleich aber hat er es auf den Besitz seines Nachbarn Ravenswood abgesehen und baut zum Zeichen dessen über seiner hingestreckten Schwester an einer rostroten Spielzeugburg herum.Verdichtet wird im Stückverlauf keine der konkurrierenden Motivationen, obwohl der bei der Premiere indisponierte Wolfgang Rauch als Enrico der einzige der drei Hauptdarsteller ist, der sich auf schauspielerische Arbeit einläßt.

Denn das Liebespaar will offenkundig nur eins: singen.Sollte es Regieanweisungen gegeben haben, sind sie spätestens im Duett Edgardo-Lucia vergessen.In vertrauter Pose inklusive Händchenhalten zur Abstimmung der Schlußtondauer versichern sie sich ihre Liebe.José Bros macht das immerhin hochmusikalisch, schafft mit seiner schlank geführten Tenorstimme wunderbar melancholische Diminuendo-Momente.Und wird damit zum musikalischen Lichtblick in einer vom Hamburger Publikum mit ungewöhnlicher Heftigkeit abgelehnten Produktion.Die Titelpartie hatte man wenig glücklich mit der Sizilianerin Giusy Devinu besetzt.Einer Sängerin, die zwar physisch die Zerbrechlichkeit einer zarten Sopranseele ausstrahlt, stimmlich aber unter dem Makel eines schweren Dauertremolos leidet.Kaum je gelingt ihr eine ruhige Linienführung, dem geschmeidigen Liebesschwur ihres Tenors kann sie nur unruhig schlotternde Beteuerungen gegenüberstellen.

Rückhaltlos ausgebuht wird in Hamburg auch der Dirigent Fréderic Chaslin.Der Franzose hatte etliche Umstellungen, Einfügungen und Kürzungen an der Partitur vorgenommen, zum dramatischen Ganzen addiert sich das nirgends.Daß "Lucia" mitreißende Theatermusik sein kann, daß weitgeschwungene Melodien und aufpeitschende Rhythmen in fortdauerndem Reibungsverhältnis stehen, davon ist bei Chaslins Detailschau nichts zu hören.Die Hamburger Philharmoniker folgen ihm unkonzentriert, das unter seinem neuen Chef Ingo Metzmacher langsam wiedererstarkte Orchester ist noch nicht soweit, seine Spieldisziplin auch unter anderen Dirigenten zu bewahren.Schnell sieht man die erzürnten Premierenbesucher nach dem Buhgewitter an die Garderoben eilen und bleibt doch optimistisch: Wo ein Publikum seine Meinung so deutlich kundtut, ist Oper noch lebendig.

Wieder am 26.und 29.November sowie am 5., 8., 15., 20.und 23.Dezember.

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