Kultur : Nicht nur den Eltern zuliebe

HANS KRIEGER

Die Kunstgeschichte wäre anders verlaufen, wenn Ernst Ludwig Kirchner tatsächlich Architekt geworden wäre, statt mit den Freunden Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl in Dresden die Künstlergruppe "Die Brücke" zu gründen und die Malerei zu revolutionieren. Eine merkwürdige Vorstellung, aber nicht ganz abwegig: Kirchner hat sein Architekturstudium an der Technischen Hochschule der Elbestadt sehr ernst genommen und nicht nur als lästigen Umweg zur Malerei betrachtet, den er den um seine Zukunft besorgten Eltern schuldig war.Das kann man jetzt im Münchner Kunsthaus Ketterer studieren, wo erstmals die Bau- und Ausstattungsentwürfe des Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner zu sehen sind. Sie stammen sowohl aus dem Nachlaß des Künstlers als auch aus dem Kirchner-Museum in Davos und sind - ungewöhnlich für eine Ausstellung in einem Auktionshaus - unverkäuflich. Wenige Wochen vor der Gründung der "Brücke" im Juni 1905 hat Kirchner seine Abschlußarbeit eingereicht, wenige Wochen danach wurde das Diplom mit der Note "gut bestanden" ausgehändigt. Kirchner hatte eine penibel durchkonstruierte Friedhofsanlage entworfen, deren kuppelgekrönter Hauptbau die Monumentalgebärde des Zeitgeschmacks mit diskreten Jugendstil-Anklängen beflügelt, und deren terrassenförmig den sanften Hügelhang erklimmendes Gräberfeld die strenge Axialsymmetrie des Gundrisses mit ornamentalem Schwung zu lockern wußte.Kirchners wichtigster Dresdener Architekturlehrer Fritz Schumacher, ein vielbefehdeter Neuerer und nur elf Jahre älter als sein berühmtester Schüler, hat berichtet, daß Kirchner ihm später noch Entwürfe zu einem "ganz extravaganten modernen Innenraum" als Doktorbarbeit vorgeschlagen hatte. Ziemlich empört, so Schumacher, habe er zur Kenntnis nehmen müssen, daß der Doktortitel nicht für einen künstlerischen Entwurf, sondern nur für eine wissenschaftliche Arbeit vergeben wird.Kirchners Entwürfe sind nicht die eines kühnen baukünstlerischen Originalgenies, sondern eines Studenten, der den Vorgaben und den Präferenzen seiner Lehrer Rechnung trug. Sie zeigen handwerkliche Disziplin, Souveränität im Umgang mit Raum und Volumen und - mit wechselnder Gewichtung - eine sorgsame Balance zwischen konstruktiver Klarheit und spielerischer Freiheit im ornamentalen Detail. Auch Konventionelleres hat einen eigenwilligen Zug, so etwa das Maleratelier von 1903 in der asymmetrischen Schichtung des Daches und der Rhythmisierung der Oberlichter des Atelierraumes.Ebenso weist der undatierte Plan für den Bau eines Museums als Auflockerung der aufgabenbedingten Neorennaissance Monumentalität kontrapunktierende Jugendstil-Elemente auf. Die Entwürfe für Mietsvillen suggerieren eine Nähe zu Martin Dülfer, der aber erst nach Kirchners Studienzeit nach Dresden berufen wurde. Die eigenständigste Phantasie zeigt das Schlößchen für einen Kunstliebhaber (um 1904/05), das mit seinen verschachtelten Giebelkörpern dem besonders in England beliebten klassizistischen Palladian Style huldigt.Was von einem Architekten Kirchner zu erwarten gewesen wäre, bleibt Spekulation. Sicher aber darf man annehmen, daß die architektonische Schulung dem Maler Kirchner zugute kam, als er im Davoser Spätwerk den expressionistischen Überschwang zähmte und mit reduzierendem Kontur und strenger Flächenspannung um einen Bildstil der zeitlos allgemeingültigen Zeichenhaftigkeit rang.

Kunsthaus Ketterer München, Carolinenpalais, Brienner Straße 25; bis 27. August.

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