Kultur : Nicht nur für Hobbygärtner

„Face Up“: australische Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof Berlin

Ulrich Clewing

Australien: 4300 Kilometer sind es von West nach Ost, 3700 von Nord nach Süd, was ungefähr der Entfernung Lissabon-Kiew entspricht. Der größte Teil des Kontinents besteht aus Wüste. Der Rest ist, von den Metropolen Sydney, Melbourne und Brisbane einmal abgesehen, ausgesprochen dünn besiedelt. Auf einer Fläche, die gut zwanzigmal so groß ist wie die Bundesrepublik, leben 19 Millionen Menschen, ein knappes Drittel davon sind Einwanderer, die meisten aus Großbritannien, Neuseeland, Italien, Vietnam und China. Nachdem vor zwei Jahren der Versuch gescheitert ist, aus Australien eine Republik zu machen, amtiert als Staatsoberhaupt nach wie vor Königin Elisabeth II. von England. Vielleicht orientieren sich die Australier deshalb so hartnäckig nach Westen anstatt nach Osten, der für sie eigentlich der Norden ist: Indonesien liegt in der direkten Nachbarschaft und von Perth ist es nach Singapur genauso weit wie nach Melbourne.

Aus diesem rätselhaften, fernen Land stammen die 14 Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten in der aufregendensten, präzisesten und frischesten Ausstellung gezeigt werden, die im Hamburger Bahnhof seit langem zu sehen war. Im Ganzen umfasst „Face up – zeitgenössische Kunst aus Australien“ nur drei Dutzend Werke (beziehungsweise Werkkomplexe), die aber ermöglichen den Einblick in eine Kulturlandschaft, in der man auf irritierende, irrlichternde Weise mit Gegensätzen konfrontiert wird: mit Nähe und Distanz, Vertrautheit und Exotik, mit Ähnlichkeit und Differenz.

Britta Schmitz, die deutsche Kuratorin von „Face up“, hat es bei der Auswahl der Künstler nicht auf Homogenität angelegt. Jeder der 14 Teilnehmer vertritt eine sehr individuelle künstlerische Richtung, weshalb es eine gute Entscheidung war, ihnen jeweils einen Raum für sich allein zuzuteilen. Und natürlich spielen in der australischen Kunstszene die globalen Generalthemen eine große Rolle: Identität und nationale Zugehörigkeit, Flucht und Migration. Wie scheinbar überall schauen die Künstler auch dort momentan besonders gerne auf das Eigene - und das Eigene schaut oft recht fremd zurück.

Simryn Gill hat sich bei ihren malaysischen Nachbarn umgesehen und ihre Wohnzimmer fotografiert: die „persuit of happiness“, das Streben nach Glück verbindet alle Menschen, es wirkt nur manchmal etwas komisch. Das gilt auch, wenngleich in ganz anderer Form, für Robert MacPhersons Installation: er hat kuriose Kleinanzeigen aus einer Hobbygärtnerzeitschrift im großen Stil auf Schiefertafeln geschrieben. Zuwanderung, auch in Australien eine heikle ambivalente Angelegenheit, und die Prägung, die daraus folgt, sind Sujets, denen sich Guan Wei und Ah Xian angenommen haben – Wei in einem Wandgemälde mit lauter putzigen Boat-Poeple, Xian mit virtuos hergestellten, euro-chinesischen Porzellan-Büsten. Darren Siwes wiederum genügt ein einfacher Kunstgriff, um in seinen Fotografien das geleugnete Anwesende sinnbildhaft darzustellen. Der Künstler hat sich per Doppelbelichtung in verschiedene, an sich banale nächtliche Szenerien hinein montiert: ein Geist im Business-Anzug, der nicht verschwinden will. Siwes, 1968 geboren, wirft hier seine Biografie mit in die Waagschale, er ist Aborigine.

Die Eroberung von Natur, die einhergeht mit Gewalt und Gegengewalt, ist ein zweites immer wiederkehrendes Motiv bei „Face up“, etwa in den beunruhigenden, endzeitlichen Wüstenfotos von Rosemary Laing oder dem abgedunkelten Raum im ersten Stock des Hamburger Bahnhofs, in dem Susan Norrie ihre beklemmend authentischen Videos präsentiert. Dass australische Kunst auch ironisch, verspielt und charmant sein kann, beweisen Callum Morton mit seinen Haifischen am Eingang zum Museum, James Angus mit seinem riesigen umgedrehten Fesselballon oder Daniel von Sturmer, der ganz bezaubernde kleine handgemachte Experimentalfilme beigesteuert hat.

Australien in seiner heutigen Verfasstheit ist eine junge Nation, die – wie der Theaterregisseur Nigel Jamieson einmal konstatierte – gerade erst dabei ist, ihre eigenen Mythen zu schaffen. Einer könnte von Mischwesen handeln, die sowohl zu Wasser als auch zu Land zuhause sind, so wie die Kiemenfrau, die Venedig Biennale-Teilnehmerin Patricia Piccinini zur Hauptfigur ihrer aus Fotos, einer merkwürdig geknautschten Autoplastik und einem Film zusammengesetzten Saga gemacht hat.

Das mag einem leicht verschroben vorkommen, doch gibt es hier, wie bei allen Werken im Hamburger Bahnhof, eine zweite Verständnisebene, eine Art Subtext, die den ersten unmittelbaren Eindruck anreichert und überlagert. In diesem Fall betrifft das vor allem Piccininis Film, der ihre Protagonistin im Meer zeigt: Dieses Vergnügen ist nicht harmlos, hinter der Leichtigkeit, mit der sich eine Schwimmerin in ihrem Element bewegt, lugt permanent die unbezähmbare Naturgewalt hervor. Wellen sind mächtig, und das Glucksen und Gurgeln des Wassers ist lauter als jeder Hilfeschrei.

Hamburger Bahnhof, Di bis Fr 10-18 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr, bis 4. Januar, Katalog (Hatje Cantz) 30 Euro.

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