Kultur : Nicht nur zur Summertime

MANFRED SCHMIDT

Im New Yorker Stadtteil Brooklyn wurde heute vor genau 100 Jahren - als Sohn jüdischer Emigranten aus Rußland - George Gershwin geboren.Zu seinen großen Bewunderern gehört der Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, Kurt Masur.Mit ihm sprach Manfred Schmidt in New York.

TAGESSPIEGEL: Maestro, Sie haben mit dem Gewandhaus-Orchester Gershwins Musik zu einer Zeit gespielt, als viele Leipziger mit diesem Namen wenig anzufangen wußten.Was bedeutet Ihnen George Gershwin?

MASUR : Ehrlich gesagt war das die Faszination, die für mich von Amerika ausging.Ich war ein großer Enthusiast des sogenannten sinfonischen Jazz, von Stan Kenton, von Duke Ellington auch, weil mit dieser Art Musik so ernste und so tiefe Dinge gesagt werden konnten, daß man es nicht abtun konnte als Unterhaltungsmusik.Wir haben das oft unterbewertet.Sie erinnern mich an eine für mich damals noch sehr schöne Zeit.Wir haben vor genau 25 Jahren in Leipzig auch eine Gershwin-Ehrung gemacht zu seinem 75.Geburtstag.Da gelang es mir, zwei amerikanische Sänger dafür zu bekommen.Es war von mir auch der Versuch, eine Musik, die ich lieben gelernt habe und die ich sehr ernst nehme, den Menschen so nahe zu bringen, daß sie sie auch verstehen und ernst nehmen können.

TAGESSPIEGEL: Sie haben es als eine herausragende Qualität Gershwins bezeichnet, daß seine Musik gleichermaßen den Hörer ohne Vorbildung wie den anspruchsvollen Musikliebhaber befriedigt.

MASUR: Das ist natürlich in der Hauptsache zum Beispiel bei seinem Klavierkonzert der Fall.Bei der "Rhapsody in Blue" geht es schon ein bißchen in den Blues-Charakter, in den Jazz-Charakter - was zum Beispiel dann wiedererweckt wurde durch Lennie Bernsteins "Westside-Story".Das ist zwar ein Musical, aber eines mit sehr ernstem Gehalt.Und es ist eine Musik, die auch hohe Qualitätsansprüche stellt.Der Jazztrompeter Wynton Marsalis schreibt gerade jetzt eine Art Symphonie oder etwas ähnliches für die New Yorker Philharmoniker.Da hoffe ich auf eine Wiederbelebung derselben Elemente, die zur Gershwin-Zeit eine Rolle gespielt haben.Das wird mit sicherlich moderneren Mitteln sein, vielleicht auch nicht immer so ganz gefällig.Aber es wird mit Sicherheit eine ernstzunehmende Bewegung werden, die, hoffe ich, auch ein Beispiel gibt.

TAGESSPIEGEL: Klingt Gershwin in New York anders als in Leipzig?

MASUR: Ich kann nicht leugnen, daß ich ein deutscher Dirigent bin, und das will ich auch nicht.Aber wenn Gershwin ernst klingt, finde ich es richtig.Und wenn er beim Gewandhaus-Orchester manchmal um die Ecke auch wie Brahms klang, fand ich das auch nicht falsch.Daß hier natürlich ein Orchester spielt, welches die Jazz-Elemente mit den Löffeln gefressen hat, das ist völlig klar.Und da gibt es einen Swing, den man vielleicht in Leipzig nicht ganz so bekom- men konnte.Aber ich liebe meine alten Aufnahmen mit dem Gewandhaus-Orchester ungeheuer, weil sie beweisen, daß sie den Geist dieser Musik sehr gut erfaßt haben.

TAGESSPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, daß Sie von englischen Orchestern die Professionalität gelernt haben, von den italienischen kreative Ungeduld, von den russischen, was musikalische Eruption bedeutet, und von den deutschen die Tradition.Aber die Amerikaner hatten sie damals weggelassen.

MASUR: Das New York Philharmonic Orchestra ist für mich ein Orchester ohne Limit.Sie spielen alles ungeheuer gut.Und wenn ich von ihnen erwarte, daß sie mit Wärme Brahms spielen, dann können sie das.Und wenn ich von ihnen erwarte, daß sie in ihrem Sinne einen Bernstein spielen, dann spielen sie mit einer Vehemenz, da könnte ich nur stören.Das sind Dinge, von denen man wissen muß, daß sie Schwerpunkte haben, wo man als Dirigent Einfluß nehmen kann auf Dinge, die nicht im täglichen Bereich eines Orchesters liegen, wo aber ein Orchester mit dieser Meisterschaft in der Lage ist - sowohl technisch als auch von der Klangvorstellung wie auch geistig -, in diese Rolle zu schlüpfen.Und das ist das, was mich hier glücklich macht.

TAGESSPIEGEL: Was sind Ihre Pläne?

MASUR: Ich mache mir zu Beispiel Gedanken über unsere Sommerbespielung.Wir hätten gern eine Sommerresidenz wie zum Beispiel die Bostoner in Tanglewood oder das Chicago Symphony Orchestra in Ravinia.Mir schwebt vor, daß wir in der Nähe von Manhattan mal ein Amphitheater bauen können, wo wir ohne elektronische Verstärkung spielen - wie in Griechenland in Epidauros, wo 14 000 Besucher ein Orchester hören können ohne Lautsprecher.Das wäre mein Traum, und ich hoffe, daß es uns gelingt.

TAGESSPIEGEL: Und die finanziellen Chancen für eine Realisierung ?

MASUR: Wissen Sie, wir haben im Augen- genblick eine solche Unterstützung von Menschen, die Geld haben, weil sie die Er- folgskurve von New York Philharmonic ein- fach lieben und es erhalten wollen.Und das ist natürlich ein schönes Gefühl.

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