Kultur : Nicht oder doch

Daniel Falb dichtet paradoxe Verse

Tobias Lehmkuhl

Ein bezeichnender Vers aus dem Debütband des Berliner Dichters Daniel Falb lautet: „ich fand den briefkasten nicht, oder vielmehr nur den briefkasten“. Was ist das für eine befremdliche Konjunktion, „oder vielmehr“? Wird hier ein Fehler korrigiert und das glatte Gegenteil behauptet? Oder wird etwas dahingehend präzisiert, dass zwei Dinge nebeneinander existieren sollen, die nicht nebeneinander existieren können? Der Vers mutet paradox an, als wäre der, der ihn schreibt, nicht ganz bei Sinnen.

Daniel Falbs Gedichten wohnt ein kritisches Sprachbewusstsein inne, ein unhintergehbarer, von vielen Reimfetischisten beharrlich ignorierter Standard der Moderne. Sie sind aber dennoch in heutiger Sprache geschrieben: nicht in irgendeinem modischen Slang, sondern in einem banalen, jedem verständlichen Umgangsdeutsch – wenngleich manche Fachtermini, gerne aus der Neuropsychologie, unauffällig und herrlich in die Irre führen.

Falb glückt es wie nur wenigen, die Alltagssprache der Spannung des Gedichts auszusetzen, seiner rhythmischen und semantischen Komplexität. Ihm gelingt das, indem er der Sprache einen doppelten oder dreifachen Boden einzieht und nicht selten so tut, als sei alles ganz bodenlos. Einerseits fängt er mit dieser logischen Abgründigkeit, die allem Sprechen eingeschrieben ist, die vordergründige Banalität der Sprache ab. Auf der anderen Seite verleiht er dem Umstand, dass Bedeutung unmöglich zu fixieren ist – dieser Aporie der Sprache –, eine frappierende Anschaulichkeit. Das Erstaunlichste freilich ist: Daniel Falbs Gedichte machen Spaß.

Daniel Falb: die räumung dieser parks. Gedichte. kookbooks, Idstein 2004. 72 Seiten, 13,80 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar