Nicht OHNE mein. . . : Taschenmesser

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Wenn einer eine Reise macht, nimmt er ein paar Sachen mit, auf die er unterwges nicht verzichten kann. Kleine Sommer-Serie über das Rüstzeug des mobilen Menschen. Bisher: der Rucksack (12. 7.); als nächstes: die Sonnenbrille.

Was kann man nicht alles über die Klinge springen lassen. Da gibt es Apfelmesser, Brieföffner, Entermesser, Hippen, Macheten, Skinner, Skalpelle, Tapeten- und Rasiermesser sowie Zigarrenguillotinen. Und es gibt mein Opinel. Ein Messer, um alles zu zerteilen, zu schnitzen und zu ritzen. Die Klinge aus schwedischem Edelstahl, das Heft aus französischem Buchenholz. Drumherum liegt fest eine Blechmanschette, um die sich wiederum locker ein Sicherungsring drehen lässt, der die Schneide nach dem Öffnen arretiert.

1890 von dem 18-jährigen Werkzeugmachersohn Joseph Opinel in AlbiezLe-Vieux für die Landarbeiter Savoyens erdacht, hat sich das schlichte Design bis heute fast nicht verändert. In anderen Messern stecken USB-Sticks, Höhenmesser und Taschenlampen – im Opinel steckt die rustikale Eleganz des Bewährten. Damit markiert es haarscharf den Unterschied zwischen den technikbegeisterten Deutschen, die das Schweizer Armeemesser mit seinen mindestens 21 Zusatzfunktionen vorziehen, und den Franzosen, die nicht ohne ihr Opinel in den Wald gehen. Sie wissen: Dieses Messer geht einem nicht im Sack auf und es liegt bequem in der Hand. Es wurde vom Londoner Victoria and Albert Museum zu einem der 100 schönsten Produkte der Welt gekürt und vermittelt doch die Illusion, man könne damit Wölfe und Bären abwehren. Vielleicht ist es ein Männer-Ding, aber ohne mein Messer begebe ich mich nur ungern in die Fremde. Allerdings war es schon im Mittelalter üblich, zum Auswärtsessen stets die eigene Klinge mitzuführen.

Mein Modell heißt übrigens No. 10, seine Schneide mit der Schmiedemarke misst zehn Zentimeter. Während andere Messer auch nach jahrelangem Gebrauch oft noch wie neu wirken, trägt No. 10 die opinel-typische dunkle Patina, man könnte sagen: seine Geschichte. Ganze Reisen lassen sich daran nacherzählen. Gekauft für die Interrailtour 1992 über Amsterdam, Paris und Rom nach Istanbul, hat diese Klinge Haschisch zerteilt, Knoblauch zerdrückt und Herzchen in Olivenbäume geritzt. Aus vollgeschwitzten Jeans wurden vollgeschwitzte Shorts. Der Knauf sauste auf die Köpfe armer Goldbrassen, die Messerspitze legte Holzsplitter aus schwarzen Füßen frei. Braucht man ein Reisetagebuch, wenn man so ein Messer hat?

Doch trotz der vielen Dienstjahre: Nach Rom kann man auf meinem Messer nicht reiten. Ich habe es gerade von einem Scherenschleifer in Haiti schärfen lassen. Auf dieses Messers Schneide steht nun nichts mehr.

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