Kultur : Nicht ohne meine Katze

Verlustangst, Witwenkrieg, Familienbande: zum Abschluss des 58. Internationalen Filmfestivals von Locarno

Christiane Peitz

Auf der Leinwand, in den späten Filmfragmenten von Orson Welles, ist sie eine atemberaubend schöne Frau: Oja Kodar, Kroatin mit indianischen Gesichtszügen, sexy, herb, mysteriös. Jetzt, 30 Jahre später, sitzt die Schauspielerin, Ko-Autorin und letzte Lebensgefährtin des Regisseurs, dem das schweizerische Filmfestival seine Retrospektive widmet, auf der Kinobühne in Locarno. Sie ist immer noch wunderschön. Nur dass sie mit ihren huldvoll verlangsamten Gesten jetzt mehr an eine antike Tragödin erinnert.

Oja Kodar erzählt, wie der Wind einmal in Roms Cinecittà das schwarze Cape von Orson Welles erfasste, so dass er aussah wie ein bedrohlicher Vogel. Eine Naturgewalt. Sie allein habe gewusst, dass er in Wahrheit anders sei: freundlich und großzügig. Oja Kodars Stimme bricht, das Publikum ist gerührt – und wenig später amüsiert. Denn Kodar fährt der französischen Koproduzentin ins Wort, wenn die auch nur die kleinste Korrektur am Geniebild wagt. Dass so viele Welles-Filme unvollendet sind, nein, es liegt nicht an ihm. Die böse Bank ist schuld, der spanische Produzent, der viel zu frühe Tod. Welles ist ihr Gott. Die beiden Frauen überbieten sich in Verteidigungsreden – ein Witwenkrieg, live on stage. Man kennt das, von Fassbinders Frauen, von den Erbverwalterinnen Heiner Müllers. Wer im Welles-Katalog blättert, stellt fest, dass Oja Kodar die Cinecittà-Story längst aufgeschrieben hat, Wort für Wort, emotionales Tremolo inklusive. Die Welles-Witwe ist identisch mit der Rolle ihres Lebens: Oja Kodar spielt uns sich selbst vor.

So ist das mit Abwesenden. Über Orson Welles, sein rastloses Leben und seine chaotische Arbeitsweise erfährt man weniger bei diesem vorzüglichen Workshop in Locarno als über die Anwesenden. Das Kino, eine Nachwelt – Echoraum für Hinterbliebene.

Die leere Mitte, die Verschollenen, der im Schwinden begriffene Familienkreis. Selten lässt sich bei Filmfesten ein Leitmotiv so deutlich ausmachen wie dieses Jahr in Locarno. Immer wieder ging es vor allem im Wettbewerb um abwesende Väter, verschwundene Söhne, PatchworkVerwandtschaften und Patchwork-Identitäten. Und um verlassene Frauen, sei es Valeria Bruni-Tedeschi im französischen Trennungs-Melodram „Un couple parfait“ oder Miou-Miou als Putzfrau im Luxushotel an der „Riviera“. Lauter Großaufnahmen der Einsamkeit, mit leidenden, schweigenden Heldinnen. Erlesener Frauenfrust. Witwenkrieg ist aufregender.

Oder Familienchaos. In Bizhan Mirbaqeris iranischem Film „We Are All Fine“, der mit einem der Debütpreise ausgezeichnet wurde, dreht die Familie ein Homevideo für den Sohn im fernen Ausland. Wie ein Katalysator fördert dessen Abwesenheit die Chemie zwischen den Eheleuten und die verborgenen Sehnsüchte der Geschwister zutage. Und die Videokamera wird zum heimlichen Kronzeugen. Uns geht’s gut: Man inszeniert sich selbst und kann sein wahres Gesicht dabei nicht verbergen. Mirbaqeris Film konzentriert sich auf den Zufall, das Vorläufige, das Unscheinbare und entdeckt kleine, kostbare Momente der Wirklichkeit. Der Videofilm wird nie fertig; das Leben bleibt ein Rohschnitt.

Jedenfalls ist es alles andere als „A Perfect Day“: Im libanesischen Wettbewerbsbeitrag erklärt eine Frau ihren seit 15 Jahren vermissten Ehemann offiziell für tot. Ein Tag der Trauer auch für den erwachsenen Sohn, der die Trennung von seiner Freundin nicht verwinden kann. Immer wieder fällt er unvermittelt in Schlaf, im Auto, in der Disco, auf der Uferpromenade: kurze Absencen mitten im Trubel von Beirut. Aber der Film erschöpft sich nicht in Metaphern des Verlustes, sondern erlaubt sich Seitenblicke auf den skurrilen Alltag in der Großstadt. Die Alte auf der Straße, die mit „Miezmiez“-Rufen ihre Katze sucht. Die Fachsimpeleien über Handyklingeltöne mit einem Passanten. Oder die Ärztin, die sich wie eigentlich jeder in diesem Film seit Jahren das Rauchen abzugewöhnen versucht.

Auch in Louise Archambaults „Familia“ ist der Kreis der Lieben eine unvollständige, turbulente Angelegenheit. Die junge Kanadierin erzählt von zwei Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehungen, von der Bürde der Generationenfolge. Die eine Mutter ist spielsüchtig, die andere ein Kontrollfreak, die Väter glänzen einmal mehr durch Abwesenheit, und die Kids erklären einander beim Gartenfest ihre Verwandtschaft: all die Stiefväter, Nenntanten und Halbgeschwister, die heutige Familienbande so ausmachen.

Filmfeste sind keine Themenparks. Dass sich die Kinogeschichten über Krise und Zerfall der Familie bereits auf dem Festival von Cannes häuften und nun erneut in Locarno, weist allerdings darauf hin, wie sehr die Sehnsucht nach Verbundenheit die Menschen umtreibt, nicht nur in der westlichen Welt, nicht nur wegen des Demografie- und Rentenproblems. Wobei die besseren Filme nicht die Erhaltung der Familie beschwören, sondern die Provisorien neugierig in Augenschein nehmen. Ihr Mittel: die offene Form.

Die Festival-Jury, der unter anderem der Kameramann Vittorio Storaro und der taiwanesische Regisseur Tsai Min Liang angehörten, liebt dagegen offenbar das Thesenkino, das seine Protagonisten in sorgfältig komponierten Bildern abzirkelt. Der Goldene Leopard ging an Rodrigo Garcias amerikanisches Episoden-Starvehikel „Nine Lives“ mit Glenn Close, Kathy Baker, Sissy Spacek und Holly Hunter. Neun ungeschnittene Einstellungen, neun tragische Augenblicke, Frauenexistenzen, wie in Bernstein eingeschlossen. Ein Film, der vor allem seine eigene Kunstfertigkeit zur Schau stellt. Kino ist gewiss auch die Kunst der Verdichtung. Aber die Ästhetik des geschlossenen Bildes trug in Locarno – wie auch in Yilmaz Arslans archaischem Asyl-Drama „Brudermord“, dem Gewinner des Silbernen Leoparden – meist fatalistische Züge. Der Mensch wird zur Marionette seines eigenen Schicksals, und der Regisseur zieht die Strippen.

Auch Filmfestivals haben eine Patchwork-Identität. Das von Locarno besonders: Auf dem internationalen Publikumsfestival wuchern die Nebenreihen zum Programmdschungel, und der Wettbewerb hat es zwischen den mächtigen Festivalkonkurrenten von Cannes und Venedig immer schwerer, gute Filme zu akquirieren. Auch das populäre Open-Air-Programm auf der Altstadt-Piazza muss sich mit Mittelmaß bescheiden, da die Amerikaner wegen der Raubkopier-Angst ihre Herbstschätze nicht mehr zur Vorpremiere rausrücken wollen. Die scheidende italienische Direktorin Irene Bignardi handelte sich in ihrem letzten Jahr außerdem viel Kritik ein, da sie mit haufenweise Ehrenpreisen glamouröse Stars wie Susan Sarandon oder John Malkovich nach Locarno lockte. Deren neue Filme laufen trotzdem in Venedig.

Frédéric Maire, der gestern vom Verwaltungsrat bestätigte neue Direktor, soll all das nun richten. Als Regisseur, Kinderkinoklub-Gründer und Mitglied des Festivalteams, gehört der Welschschweizer zur Familie, ein Auswärtiger kam nicht in Frage. Maire wird sich auch der bröckelnden touristischen Infrastruktur annehmen müssen. Allein in diesen Monaten schließen im Tessiner Kurort am Lago Maggiore wegen Immobilienspekulationen fünf der großen Traditionshotels. Abgang ist überall: Ein Hauch von Endzeitstimmung liegt über Locarno.

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