Kultur : Nicht ohne meinen Motorroller

Veit Heinichen erklärt mal wieder Triest

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Wahrlich, Veit Heinichen ist ein eifriger deutsch-italienischer Kulturvermittler. Schon den siebten Proteo-Laurenti-Krimi schickt er aus seiner Wahlheimat Triest. Mittlerweile ist man gut informiert über die Grenzlage der Stadt und ihre landschaftlichen Highlights. Man weiß einiges über ihre politische Geschichte und Verbrechenskultur. Man ahnt allerdings auch, wie Heinichen seine Romane schreibt: am Reißbrett.

Zunächst braucht es ein Thema, das sich als roter Faden durch alle Ermittlungen Laurentis zieht. Im aktuellen Buch ist es die Macht der Bilder. Da fällt ein deutscher TV-Produzent von einer Luxusjacht in den Golf von Triest, als er gerade einen unsäglichen Italo-Kitsch-Krimi dreht. Zugleich wird eine englische Parlamentsabgeordnete mit Fotos erpresst, die sie mit ihrem italienischen Gigolo zeigen. Eine befreundete Journalistin, die nach Triest reist, um die Sache zu recherchieren, trifft dort einen einflussreichen Unternehmer mit einem Fotoarchiv, das seine neofaschistischen Neigungen offen ausstellt. Allerorten werden Bilder manipuliert und retuschiert.

Der Bezug zu Praktiken des realen Premierministers und der seit Jahren andauernden Umdeutung des italienischen Geschichtsbilds liegen auf der Hand. Selbst Laurenti wird mit seiner Geliebten abgelichtet. Macht nichts, schließlich hat auch seine Frau außereheliche Ambitionen. Selten lagen Crime und Sex und Klischee bei Heinichen so nahe beieinander.

Was braucht es noch? Touristisches Lokalkolorit mit einem „atemberaubenden Blick auf Stadt und Meer“ sowie Spaziergängen durch die Triestiner Literaturgeschichte von Italo Svevo bis Claudio Magris. Für Italianità sorgen ein paar Rezepte zum Nachkochen und Unterweisungen über Nutzen und Verwendungszwecke des Motorrollers im Stadtverkehr. Lexikonartige Erläuterungen zur italienischen Kolonialgeschichte in Äthiopien und zur Kulturgeschichte des Kaffees runden das Bild ab.

Keine Frage: Ein Heinichen-Roman ersetzt glatt zwei VHS-Kurse. Das ist inhaltlich komplex und handwerklich souverän. Alle Teilchen passen, die Mechanik schnurrt – das Beunruhigungspotenzial geht gegen null.

Veit Heinichen: Keine Frage des

Geschmacks. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2011. 368 S., 19,90 €.

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