Nicht OHNE meinen. . . : Rucksack

von

Wenn einer eine Reise macht, nimmt er ein paar Sachen mit, auf die er unterwegs nicht verzichten kann. Kleine Sommer-Serie über das Rüstzeug des mobilen Menschen. Als nächstes: das Taschenmesser.

Manchmal gelangt von tief drinnen eine Muschel zum Vorschein, ein Kieselstein, ein Kaubonbon, eine verknitterte Eintrittskarte. Man kann ihn ausschütteln, so gründlich man will, irgendwas behält er immer für sich: Relikte längst vergessener Reisen, Strandgut verflossener Ferientage.

Hat ja auch viele Wunderkammern, so ein Rucksack. Innentasche vorn, Innentasche hinten, Außentasche oben, seitliche Netze für Wanderkarten und Wasserflasche, Extrafächer für Portemonnaie und Mobiltelefon und noch einiges mehr. Weil er außer dem Tragegestell, gepolsterten Gurten und verstellbaren Hüfthaltern auch noch ergodynamische Schnüre, Aufhängeschlaufen und Anhängebänder vorweisen kann, gilt er als Inkarnation des Praktischen. Die Karyatiden würden uns beneiden: Der Rucksacktourist schleppt die Welt weitgehend schmerzfrei mit sich herum – wenn die Marke was taugt.

Aber was heißt hier Tourist. Auch der Großstadtnomade braucht seinen Rucksack, ob beruflich oder privat. City-Rucksack, Laptop-Rucksack, Foto-Rucksack, Rucksack-Koffer, alles supercool, superdynamisch, supereffizient. Der Rucksack, das Requisit der Tüchtigen. Unvergessen die Rucksack-Rede eines früheren Bundespräsidenten, mit der er die Nation nachhaltig aufrütteln wollte.

Zu Ötzis Zeiten (3300 v. Chr.) hieß das mit Stoff umspannte Tragegestell noch Kraxe. Die Sammler unter unseren Vorfahren hätten ohne das Ding keine Zukunft gehabt und ihren Nachwuchs wohl kaum mit entlegen aufgelesener Nahrung versorgen können. Der Kraxe verdankt die Menschheit so gesehen ihre Existenz. Andere nahe Verwandte des Rucksacks sind die Blunse, die Kiepe, der Tornister, das Packboard – und der gute alte Schulranzen natürlich. Hauptsache, du hast die Hände frei, fürs Raufen und Laufen, für die Radstrecke und die Gipfelbesteigung, für den Handschlag, die Umarmung und was sich sonst noch anstellen lässt auf offenem Feld.

Meiner ist rot, nicht sonderlich hübsch, und die Funktion der unteren Laschen ist mir bis heute ein Rätsel. Großmütig begleitet er meine unsortierten Tage, nimmt er doch alles auf, was ich ihm anvertraue, schert sich dabei um keinerlei Ordnungsprinzip und schenkt mir vor Reisebeginn nicht selten ein unverhofftes Souvenir aus meinem früheren Leben.

Letzte Meldung: Der 48. Deutsche Historikertag wird dem Phänomen von Bürde und Würde, sprich: der Kulturgeschichte des Tragens eine ganze Vortragsreihe widmen, am 1. Oktober in Berlin. Der Last des Daseins die Schwerkraft nehmen, diese Fähigkeit unterscheidet unsereins seit Menschengedenken vom Tier. Homo portans: Der Mensch ist, was er trägt – und wie er es sich leicht zu machen versucht.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben