Kultur : Nicht ohne seine Tochter

Maria von Helands „Große Mädchen weinen nicht“ versucht, den Teenie-Film wieder für die Wirklichkeit zu gewinnen

Claudia Cosmo

Eine tote Mitschülerin, ein Selbstmordversuch, eine zerrüttete Ehe und zwei entzauberte Mädchen: Keine Frage, „Große Mädchen weinen nicht“ ist ganz gegen seinen unschuldigen Titel kein Backfisch-Film, der von der harmlosen Zahnspangentragik niedlicher Pubertierender kündet. Nein, hier geht es um harte „Teencredibility“ - und das vor kalter, grauer Schulhofkulisse.

Kati und Steffi (Anna Maria Mühe und Karoline Herfurth) sind zwei dick befreundete Oberstufenlolitas. Sie sammeln keine „Sarah-Kay“-Abziehbildchen mehr, sondern befinden sich im steten Kampf mit ihrer Raucherlunge, eigenwilligen Jungs und nervigen Eltern. Sie sind, so will Maria von Helands Film es uns glauben machen, die cineastische Fleischwerdung der Recherchen bei Hunderten von 17-jährigen Berlinern. Mit der üblichen Problempalette: Liebeskummer, Zukunftsängste, Generationskonflikt.

Kati verabscheut die ewigen Streitereien der Eltern und versucht, sich vom allabendlichen „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast“ ihrer Mutter (Gabriela Maria Schmeide) abzusetzen. Um so wohler fühlt sie sich bei ihrer besten Freundin Steffi, die in einem liberalen Haushalt aufwächst. Steffis beruflich erfolgreiche Mutter (Nina Petri) hat gar keine Zeit, sich um ihre Tochter zu kümmern und setzt in Erziehungsfragen auf laisser faire: Steffi darf lange ausgehen, ihr Gesicht mit Kosmetika camouflieren und sich auf den heimischen Designermöbeln fläzen. Ihre tolerante Familie repräsentiert einen Teenagertraum: die Kombination aus „Schöner Wohnen“ und „Beverly Hills 90210“.

Doch bald geraten die Freundinnen vom Regen in die Traufe. Bei einem ihrer aufregenden Trips in die nächtliche Discowelt entdecken sie zufällig, wie Steffis Vater (Stefan Kurt) mit einer Arbeitskollegin herumknutscht. Für Steffi bricht eine Welt zusammen. Gemeinsam mit Kati lauert sie der Geliebten des Vaters auf und will sich ausgerechnet an deren ahnungsloser Tochter Tessa (Josephine Domes) rächen, die eine begabte Sängerin ist. Unter dem Vorwand, sie groß rauszubringen, arrangieren Kati und Steffi ein Treffen mit einem Plattenboss, der sich als Pornoproduzent entpuppt. Fast vergewaltigt er Tessa – wäre da nicht plötzlich Kati, die ihr zur Hilfe eilt. Doch damit setzt sie die Freundschaft zu Steffi aufs Spiel.

„Große Mädchen weinen nicht“ motzt die Alltagsalbträume von Teenagern mit hipper MTV-Ästhetik auf. Anna Maria Mühe beeindruckt in ihrer ersten Rolle als Kati mit couragiertem und sensiblem Spiel. Sonst aber trägt der Film arg dick auf. Obwohl der reale Durchschnittspubertierende genauso viele Konflikte zur gleichen Zeit bewältigen muss wie Kati und Steffi: Coitus interruptus beim ersten Mal, die erste Koksline in zwielichtigen Lokalitäten, sich von „reifen Männern“ angrapschen lassen und zusehen, wie die Ehe der Eltern den Bach runter geht? „Reality bites“, schon klar. Aber in dieser geballten Ladung?

Und das alles, um nach gehabtem Psycho-Inferno genau dort zu landen, wo die meisten Familien-Therapiesitzungen enden: Versteht euch, Leute, habt euch wieder lieb!

In zwölf Berliner Kinozentren

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