Kultur : Nicht revolutionär, dafür gut

KAREN FUCHS

Von Begriffen lassen sich die Macher von "Granta", dem britischen "Magazine of new writing", nicht gerne einschränken.Erzähl- und damit Veröffentlichungswert besitzt in ihren Augen jeder Text, der die Welt auf eine neue Art beleuchtet.Herausgeber Ian Jack erläuterte zum Auftakt der "Tea Time Lectures" bei den Berliner Festwochen das Konzept der Vierteljahresschrift, die besonders in England und den USA beachtliche Erfolge erzielt."Wir haben die Grenzen zwischen fiktionaler und journalistischer Arbeit überschritten.Literaten können bei uns Texte unterbringen, für die sie sonst keinen Platz fänden und wir ermutigen Reporter, sich als Autoren zu verstehen."

Ob das nun "new writing" genannt werden muß mit dem abschreckenden Klang von komplizierter, experimenteller Literatur, bezweifelt der Schotte selbst.Aber das Label ist zweitrangig, solange "Granta" eine lustvolle Bastion gegen das Nörgeln über den Tod des englischen Romans bildet.Das Magazin, dessen Tradition bis in das vergangene Jahrhundert zurückreicht, verdankt seine Wiederbelebung einigen Literaturstudenten aus Cambridge.Die wollten Ende der siebziger Jahre eine Zeitschrift, die so viel Spaß macht wie ein Buch und Literatur veröffentlicht, statt über sie zu reflektieren.

So sieht "Granta" heute noch aus: eine interessante Kombination von Texten und Fotografie, ästhetisch sparsam und ansprechend im Paperback-Format aufgemacht.Revolutionär ist das nicht, dafür gut und - auch hier gibt es keine Berührungsängste - marketingtauglich.(Im Internet kann man die Zeitschrift unter www.granta.com lesen.) Die Liste der Autoren ist illuster.Richard Ford, Martin Amis, Ryszard Kapuscinski und Milan Kundera veröffentlichten in "Granta", bevor sie mit ihren Arbeiten berühmt wurden.Die Themen der Ausgaben sind oft provokativ, in jedem Fall am Puls des aktuellen Geschehens.Manche heißen schlicht "Money" oder "Home", andere widmen sich dem neuen Europa oder der Frage "What young men do".

Mit "Granta" plädiert Jack vehement für die Qualität der englischen Literatur.Nach Berlin hatte er ein überzeugendes Argument in Gestalt der Autorin Jackie Kay gleich mitgebracht.Kay - Adoptivtochter, Schwarze und Lesbe - verarbeitet in ihren Texten offensiv die eigene Vita.Das befürchtete schwere Geschütz bleibt aus.Pointiert, bisweilen bissig und sehr warmherzig klangen die zwei Texte, die Kay in der Festspielgalerie präsentierte: die eigens für die Veranstaltung übersetzte Erzählung "Big Milk" (gelesen von Eva Mattes) und ein Kapitel ihres in England soeben erschienenen Romans "Trumpet".

Besonders der Roman - auf deutsch wird er im Herbst 1999 beim Berliner Argon Verlag erscheinen - darf mit Spannung erwartet werden."Trumpet" dreht sich um eine Musikerin, die ihr Leben als Mann verbringt.Erst bei ihrem Tod wird das Geheimnis gelüftet.Kay erzählt mit viel Poesie von den Reaktionen der Umwelt, und die reicht vom Standesbeamten bis zur Putzfrau.

Die Festspiele haben die Zusammenarbeit mit "Granta" klug genutzt, um die im Programm zentrale "Next generation" des Theaters literarisch zu ergänzen.Zu entdecken sind in Deutschland nur schwer zugängliche, neue britische Autoren.Am 20.September liest A.L.Kennedy aus einem noch unveröffentlichten Text, am 27.stellt sich Aimee Bender vor und am 4.Oktober präsentiert Will Self seinen neuen Roman "Die schöne Welt der Affen".Lektionen dieser Art läßt man sich gerne gefallen.

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