Kultur : Nicht weit zum Kino

Am Berliner Friedrichswerder entstehen „Townhouses“ – mit Blick auf Nachbars Garten

Jürgen Tietz

Als würden sie im Winterwind frieren, so eng schmiegen sich die neuen Stadthäuser am Friedrichswerder aneinander, die zwischen Oberwallstraße und Caroline-von-Humboldt-Weg ein neues Stück Stadt bilden. Freilich eines mit Lücken, denn während in einzelnen Häusern bereits gewohnt wird, drehen sich auf etlichen Grundstücken noch die Baukräne.

Nicht nur farblich, auch stilistisch ist eine bunte Reihe entstanden: ein bisschen Retro, ein bisschen Moderne und dazwischen auch mal ein bisschen belanglos, je nach Bauherrenwunsch. Anders als in London oder Amsterdam, wo Stadthäuser eine Tradition besitzen, wird diese Tradition in Berlin jetzt erst begründet. Und weil das Thema Stadthaus auf dem internationalen Immobilienmarkt derzeit ein Renner ist, wurden sie im schönsten Neudeutsch als „Townhouses“ erfolgreich vermarktet.

Waren solche schmalen Reihenhäuser in Berlin bisher dem vorstädtischen Bereich zugeordnet, sollen sie nun das innerstädtische Wohnen stärken. Eine sinnvolle Idee. Doch weil im kritisch rekonstruierten Berlin alles im Stimmann’schen Block daherkommt, treten auch die Stadthäuser blockweise auf – nach einem städtebaulichen Entwurf von Bernd Albers. Das Ergebnis sind allzu schmale Grundstücke, auf denen die Häuser emporragen, so dass eine zumindest gewöhnungsbedürftige Maßstäblichkeit entsteht. Keine leichten Rahmenbedingungen also, mit denen sich die Architekten auseinanderzusetzen hatten. Und so wirkt es ein wenig, als wäre auf dem Friedrichswerder Tucholsky wörtlich genommen worden, um sich an der Quadratur des architektonischen Kreises zu versuchen: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – aber abends zum Kino hast du’s nicht weit. Das ganz schlicht, voller Bescheidenheit.“ Nun also wird auf dem Friedrichswerder auf schmaler Parzelle gewohnt, vorne das Auswärtige Amt und hinten der handtuchgroße Garten, der Nachbar stets in Sichtweite. Solche Enge stört weit mehr als die bunte Vielfalt der Fassaden.

Architektonisch bieten die Stadthäuser einen Querschnitt durch die aktuelle Berliner Szene, die weit weniger traditionalistisch verbohrt ist, als es manche säulenverzierten Schinkelträumereien vermuten lassen. So steht auch Johanne Nalbach für eine kunstvolle moderne Architektur. Schon mit ihrem Haus in der Schützenstraße hat sie vor einigen Jahren gezeigt, wie zeitgemäßes Wohnen in der Stadt aussehen kann. Nun also hat sie sieben Stadthäuser entworfen, die derzeit unter dem Titel „Sachlich Sinnlich“ auch in der Galerie Aedes West vorgestellt werden (Savignyplatz Else-Ury-Bogen 600, bis 18. Januar, Katalog 10 €).

Es sind sieben Variationen zum Thema Wohnen in der Stadt. Materialproben regionaler Baustoffe wie weiß glasierte „Pfeifenköpfe“, rote und schwarze Ziegel, aber auch eine Sandsteinplatte bieten eine sinnliche Annäherung an die Häuser. Grundrisse und Pläne verdeutlichen, welche sportliche Herausforderung es für die Architektin bedeutete, die schmalen Hauszuschnitte in wohnliche Räume zu verwandeln. Hätte ein mutiger Städtebau auf dem Friedrichswerder mehr Weite und (Haus-)Breite vorgesehen, dann wäre dieses neue Stück Stadt wohl ähnlich sachlich-sinnlich geworden wie Nalbachs sieben sehenswerte Stadthausvariationen.

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