Kultur : Nicht wenige denken voll Nostalgie an die siebziger und achtziger Jahre

Sándor Rádnoti

Wenn ich ausländischen Besuchern Budapest zeige, lasse ich zwei Orte niemals aus. Beide sind nach 1989 entstanden, nach der ungarischen Wende. Der erste ist ein Grabdenkmal im entlegensten Winkel des Zentralfriedhofs, wo einst in nicht gekennzeichneten Gruben die Märtyrer der Revolution von 1956 beerdigt wurden. Ein komplizierter und doch kristallklarer Komplex, frei von aller narrativen Schwere, pathetisch, aber ohne jede Selbstgefälligkeit, voll Trauer, jedoch ohne Selbstmitleid. So erinnert es an den einzigen - und tragischen - welthistorisch bedeutsamen Augenblick in der ungarischen Geschichte des 20. Jahrhundert.

Der andere Ort ist ein Skulpturenpark, in dem die meist dürftigen Werke der sozialistischen Bildhauerei aus allen Teilen des Landes zusammengefasst sind: die sowjetischen Heldendenkmäler, die symbolischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenfiguren, die Führungsgestalten der ungarischen kommunistischen Bewegung und die vielen Leninstatuen. Nicht nur historisch, sondern auch ästhetisch war es eine heilsame Entscheidung, die öffentlichen Plätze Ungarns von solchen Monumenten der kanonisierten Vorschriftenbefolgung und oft genug des künstlerischen Karrierismus zu befreien - und dennoch war es richtig, dass sie nicht auf der Müllkippe landeten. Ihre leeren Blicke sind auf vier unauslöschbare Jahrzehnte unserer Geschichte gerichtet.

Vor einigen Jahren, bald nach Wiedererlangung der Freiheit, wurde das Vertrauen der Bürger osteuropäischer Länder in die Zukunft untersucht, und dabei erwiesen sich die Ungarn als die größten Schwarzseher. Die Albaner etwa blickten ihrer traurigen Zukunft viel hoffnungsfroher entgegen. An der Haltung der Ungarn erkannte ich meine Nation wieder. Der Historismus des vergangenen Jahrhunderts, der tausend Jahre ungarischer Geschichte rekonstruierte und das nationale Selbstbewusstsein formte, stellte den ungarischen Charakter als stetigen Wechsel kurzer Perioden des Aufflammens und langer depressiver Perioden hin. Unser Nationaldrama handelt von "Friedlosen", die zu keinem Interessenausgleich kommen, und dem adligen Würdenträger Bánk, der die fremdländische Königin ermordet, jedoch den Ausgleich mit dem König findet (der Verfasser, József Katona, ist im selben Jahr geboren wie Grillparzer, der dieses Thema später in "Ein treuer Diener seines Herrn" behandelt). Der brillante politische Philosoph István Bibó fasste während der wenigen Jahre begrenzter Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg die gesellschaftspsychologische Alternative in das Gegensatzpaar "überspannte Wesenssicht" und "falscher Realismus", und ebenfalls spricht Bibó von der psychischen Funktion der siegreichen Revolutionen, davon dass dann die Menschen - zumindest teilweise - die gesellschaftlichen Veränderungen als eigene Tat betrachten können. Die Wende des Jahres 1989 in Ungarn kam von außen wie von innen. Es gab keine so großartige und gelöste Massenszenen, wie es der Abriss der Berliner Mauer war, und es wurde nicht, wie in Rumänien (wenn auch im Rahmen einer peinlichen Gerichtskomödie), ein blutiger Diktator liquidiert.

Ein bedeutendes Ereignis war die Umbettung von Imre Nagy, der sich in die Revolution von 1956 hatte treiben lassen und sich bis zu seiner Hinrichtung zu ihr bekannte. Aber damit begann keine neue Zeitrechnung, und die Republik rief als interimistischer Staatspräsident ein unmaßgeblicher kommunistischer Funktionär aus. Nach klugen politischen Verhandlungen gab die bisherige Macht ihre Positionen geordnet und friedlich auf, und eine Volksabstimmung mit wenig Chancen konnte mit einigem Glück verhindern, dass als Gegenleistung die Kommunisten einen starken Präsidenten stellen durften.

Aufwühlende symbolische Szenen brachte uns das Fernsehen aus anderen Ländern. Ich erinnere mich nur an wenige Tage, als die Begeisterung auch auf den Budapester Straßen zu bemerken war: Fremde fragten einander, ob sie Neues über die Ereignisse in Bukarest wüssten, Aufgeregtheit, Freude, besorgtes Mitgefühl lag in der Luft. Das besondere Interesse war natürlich auch damit zu erklären, dass in Rumänien fast zwei Millionen Ungarn leben, doch reichte es über die Solidarität mit unseren "Blutsverwandten" hinaus und schloss die Rumänen ein. Ein schöner Augenblick, der leider ohne Fortsetzung blieb.

Die Ungarn können das Klagen nicht lassen. Die zehn Jahre Freiheit, die hinter ihnen liegen, haben sie mit Nörgelei angefüllt, und nicht wenige denken voller Nostalgie an die siebziger und achtziger Jahre, als sie zwar unmündig waren, aber wenigstens für sie gesorgt wurde. Wir zahlen den Preis der Freiheit mit Mühe und zögernd. Und ich, ein treuer Sohn meiner Nation, ertappe mich dabei, dass ich gleichfalls klage - ich beklage mich über die Klagekultur. Ungarns großes Korrektiv gegen den vor dem Missgeschick hilflosen historischen Charakter ist seine lebendige, reiche Kultur. Den Erfolg garantieren ihr dauerhaftes Bestehen, das Unprovinziale ihrer bedeutendsten Leistungen, ihr Lokalkolorit und zugleich ihre universelle Interpretierbarkeit. Wegen der Vielfalt an Richtungen und Stilen würden wir vergeblich versuchen, die heutige Kultur Ungarns einheitlich zu charakterisieren. Und doch - wer sich als Teilhaber dieser Kultur und als Ungar empfindet, für den ist ein gutes Gefühl, dass er wenigstens teilweise gemeinsame Erfahrungen mit dem Bildhauer Jovánovics, dem Komponisten György Kurtág, dem Filmregisseur Miklós Jancsó, dem Pianisten Zoltán Koscis, der Philosophin Agnes Heller, den Schriftstellern Péter Esterházy, Imre Kertész und Péter Nádas, dem Dichter György Petri und einigen Dutzend weniger bekannte Künstlern hat, unter ihnen so erstaunliche Lyriker wie Zsuzsa Rakovszky und Dezsö Tandori. Um diese sehr unterschiedlichen Geister zeichnet sich wohl doch das ab, was ein ungarischer Klassiker dieses Jahrhunderts, Gyula Illyés (1902-1983), so genannt hat: Vaterland in der Höhe.Sándor Radnóti (53) ist Professor für Ästhetik an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest und Redakteur der Literaturzeitschrift Holmi. 1995 erschien sein Roman "Die Fälschung". Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki

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