• Nichts als die Wahrheit Als Buch so präzise wie der Film: Andreas Veiels „Black Box BRD“

Kultur : Nichts als die Wahrheit Als Buch so präzise wie der Film: Andreas Veiels „Black Box BRD“

Christina Bylow

In einer seiner letzten Reden zitierte der Deutsche-Bank-Chef, Alfred Herrhausen, Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Diesen Satz stellt Andres Veiel seinem Buch „Black Box BRD“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 19,90 Euro) voran. Er steht da wie ein Türspruch über der Pforte zu einem Verließ. Man könnte ihn als Selbstermutigungs-Mantra des Autors lesen, aber auch als Warnung an den Leser: Was hier geschrieben steht, ist nichts als die Wahrheit. Wer Mythen erwartet, kehre woanders ein. Der Regisseur und Autor Andres Veiel ist ein hartnäckiger Wahrheitssucher, einer der mit seinen Fragen Menschen so zu betreffen weiß, dass die „Subtextblase“ (Veiel) hinter dem Redestrom der Antworten sichtbar wird. In „Die Überlebenden“ spürte er so der Geschichte dreier Mitschüler nach, die sich umgebracht haben. In „Black Box BRD“, für den Veiel im vorigen Jahr den europäischen Filmpreis bekam, zeichnet er das Doppelporträt zweier Opponenten, deren einzige Begegnung tödlich war oder es hätte sein müssen in der starren Logik des Frontenwahns. Alfred Herrhausen, ehemals Sprecher der Deutschen Bank, im August 1989 ermordet von einem Kommando der RAF, und Wolfgang Grams, Mitglied der RAF, der während seiner versuchten Festnahme in Bad Kleinen 1993 zu Tode kam.

Mit dem Medium wechselt Veiel die Tonlage, als Erzähler wird er unsichtbar, sein Blick verschwindet hinter den Fundstücken, die er über Jahre gesammelt hat. Nirgendwo sonst ist die Geschichte jener von außen so bezeichneten „Dritten Generation“ der RAF bisher detailgenauer erzählt worden. Einer Organisation, die in der Anonymität agierte und sich zugleich darin auflöste. Zum anderen zeichnet Veiel aber auch das Bildnis einer Bank als Ordensgemeinschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig starken Konformitätszwängen und Ausschlussmechanismen aussetzen. Es passt ins Bild, dass einige der Gesprächspartner Veiels aus der Bank ungenannt bleiben wollten.

So liefert das Buch Innenansichten von der Anatomie eines deutschen Spitzenunternehmens. Unnachgiebig präpariert Veiel etwa die Entmachtung Herrhausens heraus, den die RAF noch für die Figur an der „Spitze jenes Machtzentrums“ hielt, als Herrhausen zwei Tage vor dem Attentat seinen Rücktritt vorbereitete. Das Tempo, in dem Herrhausen die Bank reformieren wollte, lehnten andere Vorstandsmitglieder ab. Nicht wenige Bankkollegen sahen in Herrhausens Drang, sich zu exponieren, die eigentliche Ursache für seinen Tod. „Klammheimliche Freude“ in der Bank auszumachen, gehört sicher zum größten Tabubruch, den Veiel mit „Black Box BRD“ begeht.

Auch auf der anderen Seite, der RAF, erschließt Veiel im Buch eine wichtige Quelle: Birgit Hogefeld, die letzte Lebensgefährtin von Wolfgang Grams, gewährte Veiel Einblicke in die Jahre des Untergrunds und in die Nachgeschichte. Veiel besucht sie seit Jahren im Gefängnis und hatte zuerst auch an einen Film mit ihr gedacht. Als Hogefeld merkte, dass Veiel nicht „ihren“ Film machen wollte, sagte sie ab. Dem Missbrauch von allen Seiten hat sich Veiel stets auf eigenwillige Weise wiedersetzt: Wer zu sehr an ihm riss, war draußen. Das gilt auch für das Buch. Veiles Methode ist die der oral history: Er blättert Familienalben auf, zitiert Erinnerungen, Vermutungen, Beobachtungen. Die Glaubwürdigkeit seiner Gesprächspartner zeigt sich in ihrer Diktion, in ihrer Emotionalität oder deren Abwesenheit. Im Film ist die Wahrheit der Zeugen vielschichtig, es bleibt Raum für das Behagen und Unbehagen des Zuschauers. Im Buch passiert etwas anderes: Hier werden Veiels Mitspieler zu Quellen, zu Zeitzeugen, deren Aussagen plötzlich das Unumstößliche des Gedruckten zukommt. Damit allerdings verfällt das Buch immer wieder einer Vorstellung von Objektivität, wie man sie von anderen faktengläubigen Werken zum RAF-Komplex kennt. Das ist mitunter schade, denn Veiel ist kein Journalist, der sich zwanghaft dagegen wehren muss, Teil des Gegenstands zu werden. Er hätte es sich leisten können, als autarker, kommentierender Erzähler aufzutreten. Das wäre zwar ein anderes Buch geworden – die Verpflichtung zur „Wahrheit“ hätte er dennoch nicht verraten müssen.

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