Kultur : Nichts bindet wie Blut

Susanna Nieder

Die Rückkehr des verlorenen SohnesSusanna Nieder

Eine Mutter (Michelle Pfeiffer) mit drei kleinen Kindern in einer Menschenmenge. Geschiebe, fröhlicher Lärm, Durcheinander - und plötzlich fehlt das mittlere Kind. Der Schreck steigert sich zur Panik, aus Stunden werden Tage, Wochen, Monate. Das Kind bleibt verschwunden. Die Familie kämpft, arrangiert sich mehr schlecht als recht und gerät ein zweitesmal aus den Fugen, als neun Jahre später ein Junge in der Tür steht, der so aussieht, wie der verlorene Sohn jetzt aussehen müßte.

Bei bestimmten Themen kann man sich schon vorher ausrechnen, wie Hollywood damit umgehen wird. Familie zum Beispiel. Da muß schon eine Jodie Foster Regie führen, um die eherne Übereinkunft zu sprengen, dass Blut dicker ist als Wasser und sich Familienmitglieder daher bei allen Schwierigkeiten im Grunde genommen liebhaben. Ein Film wie "Tief wie der Ozean", der von der schwersten Zerreißprobe handelt, die man sich für eine Familie vorstellen kann, degradiert diese Haltung jeglichen Konflikt zum überwindbaren Hindernis auf dem vorgezeichneten Weg zum Happy End. Selbst für den bitteren Verlust von neun gemeinsamen Lebensjahren bleibt kein adäquateres Ausdrucksmittel als das "Oh Gott!", in das Michelle Pfeiffer, die Hände vors Gesicht schlagend, in regelmäßigen Abständen ausbricht.

Von Ulu Grosbart hätte man eigentlich mehr erwartet. Mit "Falling In Love" (1984) und "Georgia" (1995) hat er bewiesen, dass er mit emotional aufgeladenen Sujets umgehen kann, doch in "Tief wie der Ozean" hat ihn offenbar sein psychologisches Gespür verlassen. Verblüffend schlampig ist dieser Film; da gehört es noch zu den kleineren Patzern, wenn ein Kind, das auf der Tonspur lauthals schreit, im Bild vollkommen ruhig ist. Die Charaktere sind lasch gezeichnet, in Klischees gezwängt und im Fall von Treat Williams als Vater mit bemerkenswerter Lustlosigkeit gespielt. Unterdessen erklärt Whoopi Goldbergs Kommissarin, sie sei lesbisch, was für die Handlung von keinerlei Bedeutung ist und fast den Eindruck erweckt, als wolle man auch dem schwullesbischen Marktsegment einen Grund geben, sein Geld in diese Familienschmonzette zu tragen.

Den einzigen wirklichen Konflikt gesteht Gosbart dem wiedergekehrten Sohn (Ryan Merriman) und seinem älteren Bruder (Jonathan Jackson) zu, dessen Kindheit viel zu früh vorbei war und der jetzt ein bis zur Kleinkriminalität renitenter 17-jähriger ist. Besonders Jackson macht seine Sache gut, doch was kann man schon mit einem Drehbuch anfangen, das einen zwingt, als schwer belasteter, angekotzter Teenager Reuetränen zu produzieren, sobald Mama einmal nett ist und nicht schimpft. Worauf sich der Titel "Tief wie der Ozean" eigentlich bezieht, bleibt ungeklärt. Auf den psychologischen Tiefgang jedenfalls nicht.Astor, Cinemaxx Colosseum und Potsdamer Platz, CineStar Hellersdorf und Tegel, Europa-Studio, Kosmos
© 1999

0 Kommentare

Neuester Kommentar