Kultur : Nichts dreht mehr

Johan Simons’ „Zocker“ an der Volksbühne Berlin

Rüdiger Schaper

Roulettenburg, wo liegt das? Dostojewskis vergleichsweise kurzer Roman „Der Spieler“ lässt sich autobiografisch lesen: als heftige Liebesgeschichte auf einer Europareise im Jahr 1863, mit fanatischen Intermezzi in den Casinos von Baden-Baden und Wiesbaden. Die gequälte russische Seele gewann einen Batzen Geld und haute ihn gleich wieder auf den Kopf. Pech in der Liebe kam noch dazu.

„Der Spieler“ atmet Fieber und Wahn, rasende Ungeduld. Alexej Iwanowitsch, Dostojewskis Erzähler-Ego, praktiziert rauschhafte Selbstzerstörung. Davon spürt man in Johan Simons’ langatmiger Marktstudie fast nichts. Der niederländische Regisseur, in Berlin beim Theatertreffen mit seiner Münchner „Anatomie Titus“ und bei Gastspielen mit seiner Gruppe ZT Hollandia gefeiert, transportiert den korrupten Adel des 19. Jahrhunderts in die heutige Welt von großmäuligen Börsenzockern und Firmenaufkäufern. Eine Enttäuschung: Mit dem Bargeld der Roulettetische zerrinnen auch Gestalten und Geschichte in die bloße Fiktion.

Gähnende Leere auf Bert Neumanns Bühne. Eine einsame Videowand, ein Billboard mit blinkenden Lämpchen. Wie eine Reminiszenz an Frank Castorfs ausladend-intensive Russen-Soaps. Dicke Zuhälterschlitten kurven da herum, es riecht nach Abgas. Motor an, Motor aus. Tür auf, Tür zu. Fahrige Parkplatz-Dialoge über internationale Geldgeschäfte, kriminelle Kapitalverschiebungen, Luftbuchungen. Dann und wann kommt man auf Dostojewski zurück, fast reuevoll.

Johan Simons, inzwischen Intendant in Gent, beginnt mit dem „Zocker“ seine Zusammenarbeit mit dem Haus Castorf. Wurde er ein Opfer der gewaltigen Volksbühnen-Dimensionen? Er wäre nicht der erste. Sie sind schlecht zu verstehen, die (holländischen) Gast-Spieler, sie wirken recht verloren. Aus Greidanus als Dostojewski-Titelfigur kämpft sich erst gegen Ende der bald drei Stunden nach vorn, findet ein fröhliches Loser-Gesicht. Mira Partecke, seine angebetete Polina, bleibt kindliche Larve – und immer nur dann, wenn Astrid Meyerfeldt, ganz Volksbühnen-Profi, den Raum durchmisst, krakeelt und donnert, ist Härte zu spüren, Komik und etwas räudige Eleganz der Castorfschen Dostojewski-Bühne.

Am Ende schüttet es, was der Bühnenhimmel hergibt. Je schlechter das Wetter und die Stimmung, desto jewski? Sie stehen im Regen, pitschnass, pleite und sehr verloren. Ein kühler Wind weht ins Parkett. Der tut jetzt gut.

Wieder am 29., 30. 10. und 4. 11.

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