Kultur : Nichts fügt sich, alles stimmt

SILVIA HALLENSLEBEN

Arbeit der Kamera: Jacek Petryckis Filme im Polnischen KulturinstitutVON SILVIA HALLENSLEBENEs ist schon oft - zu recht - beklagt worden, daß Zuschauer wie Kritik mit der höchst arbeitsteiligen Produktionsform Kino so umgehen, als sei man in Marcels Literaturbude: Ein Mann, ein Werk.Ein Film ist aber kein Roman.Abgesehen von den Stars: Was ist mit dem Rest der Truppe? Die Kamera hat es da noch am leichtesten, wahrgenommen zu werden.Schließlich bestimmen Brennweiten und Lichtsetzung nicht nur den Stil eines Films, das Kameraauge ist auch die technische Instanz, die unseren Blick mit der fiktiven Position des Erzählers vermittelt.Beim Dokumentarfilm übernimmt - und lenkt - sie stellvertretend unseren Blick auf die Welt.Die Arbeit des Kameramanns Jacek Petrycki ist mit der Geschichte des polnischen Kinos eng verknüpft.Über 100 Filme, vor allem Dokumentar- aber auch einige Spielfilme, hat Petrycki, Jahrgang 48, bisher fotografiert, darunter die frühen Dokumentarfilme Kieslowskis, aber auch etwa Agnieszka Hollands "Hitlerjunge Salomon".Neben Kieslowskis "Amator" (Der Filmamateur, 1977) und Hollands "Aktorzy prowincjolnalni" (Provinzschauspieler, 1979), beides Spielfilme, sind in der kleinen Reihe auch vier teilweise preisgekrönte Dokumentationen zu sehen, die Petrycki mit dem britischen Regisseur und Produzenten Clive Gordon zwischen 1993 und 1997 für Channel Four gedreht hat.Die Filme wagen sich auf von aktueller Fernsehberichterstattung besetztes Terrain.Drei berichten von Kriegsschauplätzen: Tschetschenien ("Betrayed"), Bosnien ("The Unforgiving") und Nord-Uganda ("The Mission").Doch wie kann man von heutigen Kriegen berichten ohne allzueinfache Schuldzuweisungen? Wie Grausamkeit reportieren, ohne vor ihr zu kapitulieren? Das Team Gordon/Petrycki setzt auf den traditionellen, "humanistischen" Ansatz, Geschichte durch ergreifende Geschichten zu dramatisieren.Ohne dabei allerdings in die Falle zu tappen, eins durch das andere zu erklären.Denn fügen tut sich hier nichts.Es sind Geschichten, die vom Aufeinandertreffen einzelner - tapferer, starrsinniger oder auch einfach nur naiver - Menschen mit "der Geschichte" erzählen, mit versöhnlicher Geste, aber unversöhnlichem Ausgang.Mütter vermißter russischer Soldaten, die von den Militärs jahrelang in Ungewißheit gehalten wurden.Eine serbische Mutter, die die Suche nach dem Grab ihres gemetzelten zwölfjährigen Sohnes in den Wahnsinn treibt.Eine Ordensschwester, die versucht, ihre Mädchen aus der Gewalt eines afrikanischen Rebellenführers zu befreien.Der Grundton ist lakonisch, doch polemisch.Dabei ist der Kommentar auf ein Minimum an Zwischentiteln reduziert.Was spricht, das ist die Montage: Militäreinsätze werden mit flotter Musik jeweils lokaler Couleur unterlegt.Verweste Leichen treffen auf unverletzlich schön scheinende Landschaften.Gesichter auf Truppentransporter.Und auch die Kamera vollzieht gekonnt auffällig immer wieder den Sprung vom bewegenden Gesamtpanorama zum bewegten Detail.Petrycki scheut sich nicht vor inhaltlich betörend falschen Totalen.Da fallen die Granaten über Grosny wie ein prächtiges Feuerwerk.Ein afrikanisches Dorf leuchtet in güldener Abendsonne, während im Busch gemordet und vergewaltigt wird.Und, immer wieder, lange Fahrten durch ausgebrannte Straßen, Ruinen, Marschkolonnen.Auch "Moskau Central", eine Dokumentarkomödie über den Wahlkampf von fünf Kandidaten für das Moskauer Stadtparlament, ist ähnlich konstruiert, zeigt aber, wie man diese Prinzipien auch erheiternd nutzen kann.Während der Starjournalist Aleksander Minkin im Dauerlauf und in letzter Sekunde noch seinen Interviewtermin im Staatsfernsehen schafft, kämpft sein Konkurrent, der Privatfernsehbetreiber Vostrikov, im eigenen Ministudio mit den Rückkopplungen der erbärmlichen Technik.Doch Show bleibt Show.Und der Alleinherrscher, ein mafiöser Populist, bleibt sowieso am Ruder.Vostrikov kriegt gerade mal zwei Stimmen.Aber da hängt er schon wieder auf dem Dach an der Antenne, mit der Justierung seiner Sendeanlagen beschäftigt. Polnisches Kulturinstitut, Karl-Liebknecht-Straße 7, bis 16.März.Näheres unter Telefon 247 58 10.

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