Kultur : Nichts geht mehr

Probenbesuch an der Staatsoper: Dmitri Tcherniakov inszeniert Prokofjew

Eva Kalwa

Wie in Zeitlupe segeln große, bunte Geldscheine zu Boden, auf die einfache Bettstatt, in den geöffneten Koffer, um den wie versteinert dastehenden Mann. Der Verzweiflung nahe, stürmt die junge Frau hinaus aus der Enge der schwarzen Kulissenwände hinein in die Weite des angrenzenden Zimmers. Dorthin, wo verlassen die großen Tische mit den Roulettefeldern aus weißem Papier stehen. Im „Roulettenburg“ des russischen Regisseurs Dmitri Tcherniakov gibt es viele Räume, für jede der vier Hauptfiguren in Sergej Prokofjews Oper „Der Spieler“ einen. Heute feiert die Inszenierung Premiere in Berlin, an der Staatsoper Unter den Linden, unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim.

Die dissonanzreiche Musik und das russische Libretto von Prokofjew, in der Lindenoper mit deutschen Übertiteln versehen, erzählen von den Verstrickungen einer russischen Gesellschaft im fiktiven „Roulettenburg“, das Fjodor Dostojewski in seinem gleichnamigen, autobiografisch inspirierten Roman von 1866 als deutsche Kurstadt entwarf. Am Roulettetisch verzehren sich ein hoch verschuldeter Graf, die manipulative Blanche, ein herzloser Marquis und weitere zweifelhafte Gestalten nach Macht und Ansehen, die sie sich durch Geld zu erkaufen hoffen. Nur Hauslehrer Alexej und Polina, die Stieftochter des Generals, bringen – vielleicht – die Fähigkeit zu lieben mit. Aber zunehmend verschmelzen in Alexej das Begehren nach Polina und die Ekstase des Spiels. Noch im wildesten Rausch bleibt „Roulettenburg“ ein Ort der Einsamkeit, umschlossen von hohen Wänden.

Dmitri Tcherniakov, der mit „Boris Godunow“ vor drei Jahren sein Deutschlanddebüt an der Staatsoper gab, entwirft seine Bühnenbilder am liebsten selbst. Scheut er die Auseinandersetzung mit einem professionellen Bühnenbildner? „Reibung mit anderen brauche ich nicht – ich habe genug davon in mir“, sagt der 37-Jährige selbstbewusst. Viel Improvisation war nötig, um das lange Band der Räume – Parallelwelten, Inseln der Vereinzelung – auch auf der kleinen Probebühne angemessen umzusetzen. Heute Abend, auf der großen Bühne, werden Schiebebühne und Portalöffnung das leisten, was hier in der Heidestraße ohne entsprechende Technik unmöglich ist: Wie in einer langsamen Kamerafahrt sollen die ineinander verschachtelten Räumlichkeiten an den Augen der Zuschauer vorbeigleiten.

Die Darsteller von Alexej und Polina, der ukrainische Tenor Misha Didyk und die lettische Sopranistin Kristine Opolais, haben sich mit der Enge auf der Probebühne längst arrangiert. Zusammengedrängt sitzen Barenboims Probenvertretung Alexander Vitlin, der Dramaturg Francis Hüsers, die Kostümbildnerin Elena Zaitseva und die Dolmetscherin Julia Lukjanova neben dem Flügel. Drei Meter vor ihnen steht schon das Bett, auf dem die Liebenden Polina und Alexej im vierten Akt den letzten Kampf um ihre Herzen austragen werden – um ihn am Ende wegen Alexejs Spielsucht doch zu verlieren.

Ihr Gesang ist mehr Deklamation als Arie, mehr vorbehaltlose Entblößung als romantische Verkleidung. Mit unbewegtem Gesicht beobachtet Tcherniakov die Szene, gibt kurze Hinweise, nestelt an Didyks Jacke, sieht seine Vision vom „Spieler“ verwirklicht. Von den Ängsten, die den gebürtigen Moskauer vor jeder Premiere quälen, ist in seiner selbstgewissen Ruhe nichts zu spüren.

Neben Daniel Barenboims Wunsch, die selten gespielte Oper mit Tcherniakov zu inszenieren, gab vor allem das persönliche Interesse des Regisseurs an dieser Parabel über eine alles verschlingende Besessenheit den Ausschlag. „Ich möchte zeigen, dass wir keine Freiheit über das eigene Leben und unsere Abgründe haben. Wie nur kann ein Mensch voller Ambitionen und Leidenschaften sein Leben führen?“ Und das, ohne unterzugehen, möchte man angesichts des hoffnungslosen Endes von Roman und Oper hinzufügen.

Dass „Der Spieler“ in seiner Muttersprache gesungen wird, hält der in Russland viel beachtete Tcherniakov für seine Interpretation nicht für relevant. Vielleicht seien es nur die feinen Nuancen innerhalb der Mentalität, die er als Russe besser herausarbeiten könne. Für die nicht Russisch sprechenden Sänger und Mitarbeiter waren die sprachlichen Hürden dank der steten Präsenz der Dolmetscherin Lukjanova gar nicht so hoch. Regiehospitantin Anne Sophie Degener lächelt: „Ich werde wohl nie wieder vergessen, was ‚Er setzt immer auf Rot’ oder ‚Der Tisch ist für heute geschlossen’ auf Russisch heißt!“ Wie das gesungen klingt, ist heute Abend um 19 Uhr in der Staatsoper zu hören.

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