Kultur : Nichts oder viel mehr

REINER SCHWEINFURTH

Zusammen saufen und sich über den Kulturbetrieb lustig machen - das war eine der Hauptbeschäftigungen Heiner Müllers in seinen letzten Lebensjahren.Geschrieben hat er nicht mehr viel und darunter gelitten nur wenig.So schildert ihn Alexej Schipenko in der vom Autor uraufgeführten Szene "Mehrlicht" zum Abschluß der "Brecht Müller Beckett"-Reihe im Künstlerhaus Bethanien.Über einen elaborierten Kalauer (Goethes letzte Worte "Man liegt hier so schlecht" statt des verklärenden "Mehr Licht!") will die biographische Vignette kaum hinaus.Zunächst stapelt sich das Publikum in einem winzigen Raum; Schipenko lotet die klaustrophobische Anfälligkeit aus.Keiner geht.Ernst Stötzner und Jan Uplegger versuchen, eine Tür weiß zu streichen, lebensuntüchtig wie sie sind, scheitern sie.Die Frau (Maritschka Schubarth) streicht die Tür in zwei Minuten zu Ende.Im Video berichtet Schipenko von seiner Begegnung mit Heiner Müller.Schauplatzwechsel in die ehemalige Kapelle, wo schon Fontane gebetet hat.Ein weißer Friedhof, stimmungsvoll mit Lichterketten illuminiert, Musik von Fagott und Saxophon.Von oben lassen Weihnachtsmänner Schnee rieseln.Fünf Tage hat man an dem Nichts gearbeitet.

Dagegen hat sich Valeri Biltschenko mit seinen Schauspielschülern eine unvergleichliche Mühe gegeben.Nach Schipenkos Stück " L.A.Fünf in der Luft" versetzt er die wüste Beziehung eines Alkoholikers zu seiner bettlägerigen Mutter in einen solchen Spielfuror, daß zwar viel zu viele Ideen und Rollen von den sechs Akteuren durcheinandergewirbelt werden, die Komik jedoch immer wieder umwerfend gelingt.Mario Paolini und Stipe Erceg durchmessen in der Anleitung des ukrainischen Regisseurs die ganze Ausdrucksskala des Skurrilen und Ungebärdigen, daß der Abend zu einem Triumph für die russische Theaterpädagogik wird.Vier junge Frauen, wie Prinzessinnen köstumiert, paraphrasieren die Motive von gegenseitiger Zerstörung und versuchter Nähe mit Musik, Kasperspiel und witzigem Machismo.Der Bezug zur verblichenen Sowjetunion drängt sich nicht auf und gibt doch einen fatalistischen Grundton ab.Die jungen Schauspieler übernehmen schon sehr viel Verantwortung für ihr Handwerk.Die existentielle Bedeutung der Kunstausübung dämmert ihnen mit einem Ernst, der auf unseren Bühnen öfter eine Behauptung bleibt, weil die Lust an der Verwandlung ihre archaischen Wurzeln nicht mehr sucht.Die hat Biltschenko teilweise mit überraschenden Durchblicken freigelegt.Auf eine durchgearbeitete Inszenierung Valerie Biltschenkos mit der nötigen Zeit und sinnsüchtigen Schauspielern kann man nur hoffen.

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