Kultur : Nichts zu tun bedarf es wenig

HARALD MARTENSTEIN

Keine Arbeit mehr: ein alter Traum der Menschheit.Jetzt wird er wahr.Und niemand freut sich, bis auf die Verfasser des Berliner "Manifestes der Glücklichen Arbeitslosen"VON HARALD MARTENSTEINVor ein paar Tagen hat ein deutscher Arbeitsloser öffentlich beschrieben, wie er seit einem Jahr durch die Welt reist, pauschal.Wohnung, Auto, Haftpflichtversicherung und den ganzen teuren Kram hat er aufgegeben.Statt dessen: im April drei Wochen Spanien, Hotel Los Mangos (vier Sterne), 949 Mark.Von dort aus weiter nach Holland, Tulpenblüte gucken, im Mai dann drei Wochen Izmir, Halbpension, 1141 Mark bei Tjäreborg.Pro Woche zahlt der reisende Arbeitslose im Schnitt 359 Mark, immer in guten Hotels und schönster Gegend, zum Teil mit Mietwagen.Viel billiger, als daheim herumzusitzen.Schon die Sozialhilfe oder Bafög reichen fast aus, um so interessant zu leben.Schwierig, sagt der Arbeitslose, sei der Abschied von Freunden und Verwandten gewesen.Aber alle drei, vier Wochen ist ja Zwischenlandung in München.Durchrufen beim Arbeitsamt.Wieder mal kein Job im Angebot? Um so besser.Flexibel zu sein ist Trumpf, und Ischia im Juni kann recht nett sein.Die Geschichte des glücklichen Arbeitslosen stand im Magazin der Süddeutschen Zeitung.Ein durchschnittlich verdienender Journalist, der seinen Job verliert, kriegt als Arbeitsloser 2 500, vielleicht 2 800 Mark.Bei 2 500 Mark mußt du nicht mal nach Ischia, davon läßt es sich sogar zuhause passabel leben.Heiner kriegt soviel.Heiner war in Hamburg, bei einem dieser Magazine, wo alle acht Monate der Chefredakteur wechselt, bis dort eines Tages Iwan der Schreckliche die Macht übernimmt.Heiner wurde entlassen.Heiners Frau hat immer noch ihre gutbezahlte Stelle, 6 000 netto, er selbst schreibt ein Buch und hat endlich Zeit, sich um die Kinder zu kümmern.Schon prima, daß bei den Arbeitslosen das Gehalt des Ehepartners keine Rolle spielt.Heiner ist ein Arbeitsloser der A-Klasse.Sonja gehört zur C-Klasse.Sonja hat nämlich schon als Verkäuferin nur 2 300 Mark verdient, jetzt bleiben 1 500.Sie ist ledig, sie hat ein Kind...und so weiter.Das kennt man alles aus dem Fernsehen, wo Reporter mit ausgeprägtem sozialem Bewußtsein arbeiten und uns die Arbeitslosen der C-Klasse erklären.Die A-Klasse schildert niemand.Der Regisseur Christoph Schlingensief, auch er ein Mensch mit viel Gewissen, will eine Arbeitslosen-Partei gründen.Heute abend hat seine Wahlkampf-Show im Prater Premiere."Wir brauchen nur genug Leute, die das organisieren", sagt Schlingensief im "Spiegel"- Gespräch.Genau.Es fehlt an den Leuten.Dabei ist die Zahl der deutschen Arbeitslosen größer als die Bevölkerungszahl von Norwegen.Wieso gibt es bei uns fünf Millionen Arbeitslose, aber keine Arbeitslosenpartei, keine nennenswerten sozialen Unruhen, keine Massendemonstrationen und keinen ausufernden politischen Radikalismus, nicht einmal eine ganz kleine Unruhe im PEN-Zentrum? Offenbar ist Arbeitslosigkeit gar kein so großes Unglück, jedenfalls nicht für jeden, den sie betrifft.Arbeitslosigkeit kann man lernen.Ich kenne einige Leute, die aus freiem Entschluß nur etwa 20 oder 25 Stunden in der Woche arbeiten, als sogenannte freie Autoren.Damit verdienen sie rund 2000 Mark im Monat - etwa die Summe, die ein arbeitsloser Akademiker fürs Nichtstun bekommen würde.Das genügt ihnen.Sie sind froh, mit den Zwängen und Hierarchien des Berufslebens wenig zu tun zu haben, sie bekommen nichts vom Staat und zahlen ihm im Gegenzug fast keine Steuern.Sie freuen sich über die Zeit, die sie zum Lesen - Stadtbibliothek! -, zum Nachdenken und für ihre mannigfachen sozialen Kontakte haben.Arbeitslos gemeldet sind sie nicht, einen richtigen Job werden sie niemals mehr bekommen.Ein richtiger Job würde sie wahrscheinlich ins Unglück stürzen.Im allgemeinen funktionieren die sozialen Hierarchien des Berufslebens auch noch in der Arbeitslosigkeit.Die Besserverdienenden, besser Ausgebildeten bekommen auch als Arbeitslose eine höhere Unterstützung, sie haben größere Rücklagen und besserverdienende Lebenspartner.Sie sind geistig beweglicher, deswegen haben sie größere Chancen, die seelischen Belastungen ihrer Situation auszubalancieren und ihren von Verpflichtungen befreiten Tagen einen neuen Inhalt zu geben.Am Ende der Hierarchie stehen die alleinerziehenden Mütter, die nach dem Verlust ihrer ohnedies schlecht bezahlten Halb- oder Dreiviertelstellen rasch in eine Lage kommen, für die nur ein einziges Wort paßt: Armut.In Berlin kursiert das "Manifest der Glücklichen Arbeitslosen", verfaßt von einer anonymen Gruppe, Adresse: Kastanienallee 84, Prenzlauer Berg.Es fordert dazu auf, die Arbeitslosigkeit als Lebensform zu akzeptieren und gut zu bezahlen.Viele Firmen entlassen auch bei bestem Umsatz Mitarbeiter, um ihre Gewinne weiter zu steigern: es ist folglich volkswirtschaftlich nützlich, ein ehrenwertes Opfer im Dienste der Konjunktur, Arbeitsloser zu sein.Die Arbeitsplätze, die in den Betrieben wegrationalisiert werden, sind sowieso häufig die eher unerfreulichen, auf denen sich keiner wohlgefühlt hat."Wenn der Arbeitslose unglücklich ist, so liegt das nicht daran, daß er keine Arbeit hat, sondern daß er kein Geld hat", steht im "Manifest der Glücklichen Arbeitslosen".Wahrscheinlich stammt dieses dadaistisch angehauchte Manifest aus der A-Klasse der Arbeitslosigkeit.Und es ist wahr.Arbeitslosigkeit ist in einer Gesellschaft mit funktionierendem Sozialsystem nicht für alle ein Unglück.Unter anderem dazu hat man das Sozialsystem geschaffen: damit Arbeitslosigkeit keine existentielle Katastrophe mehr ist.Wer das ausspricht, setzt sich dem Vorwurf des Zynismus aus, oder dem noch schlimmeren Vorwurf, Helmut Kohls Wiederwahl zu betreiben.Es stimmt ja auch, daß viele durch ihre Arbeitslosigkeit den Boden unter den Füßen verlieren.Es stimmt, daß Arbeitslosigkeit ein Unglück sein kann.Ich wundere mich nur, wenn ich in den Buchhaltungen die reichhaltige Beraterliteratur zum Thema "Krankheit als Chance" oder "Endlich über 40" sehe, und gleich nebenan zwei bis drei Meter mit Büchern, die den Vorteil des einfachen Lebens preisen oder die Notwendigkeit predigen, bescheidener zu leben, weltweit.Wenn sogar der Krebs und das Altern ihre positiven Seiten haben, wenn wir sowieso zu gut leben - wieso soll es dann ein Tabu sein, die Arbeitslosigkeit zu loben? Wieso gibt es keine Bücher unter dem Motto "Endlich arbeitslos"?Tatsächlich ist das Verschwinden der Arbeit, der harten, schmutzigen, manuellen Arbeit, einmal ein Traum der Menschheit gewesen.Nun geht es in genau diese Richtung, und die Menschheit weiß nichts mit ihrer Freizeit anzufangen.Wie aber sehen unsere Alternativen aus? Die Vollbeschäftigung der Nachkriegsjahrzehnte wird sich nach Aussage der meisten Ökonomen nicht wiederholen lassen, da kann auch die SPD machen, was sie will.Alle haben Jobs, und die Löhne steigen - das ist vorbei.Viel wahrscheinlicher wäre folgendes Szenario: die Löhne sinken.Auch die Arbeitslosenunterstützung sinkt.Und sogar die Arbeitslosigkeit sinkt wieder ein bißchen, weil Arbeit ja billiger geworden ist, sagen wir mal, von fünf auf drei Millionen.Viele, die heute 2000 Mark vom Arbeitsamt kriegen, oder 1300 vom Sozialamt, werden dann für 2300 Mark netto arbeiten gehen.Tolle Aussichten! Wie gut es einem gegangen ist, weiß man immer erst hinterher, und womöglich gilt diese Lebensweisheit sogar für die neunziger Jahre.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben