Nick Cave in Berlin : Gott und seine Teufel

Auf dem Grund vieler Seelen: Das großartige Konzert von Nick Cave und seinen Bad Seeds im Friedrichstadtpalast

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Nick Cave am Mittwochabend im Friedrichstadtpalast. Foto: Davids/Sven Darmer
Nick Cave am Mittwochabend im Friedrichstadtpalast.Foto: Davids/Sven Darmer

Es ist ein ganz und gar profaner, für ein Pop-Konzert dieser Größenordnung ganz und gar typischer Moment an diesem Mittwochabend im Friedrichstadtpalast. Plötzlich kommt eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne und überreicht Nick Cave einen Blumenstrauß. Cave ist galant genug, sie zu umarmen, setzt sich wieder an seinen Flügel und ruft, verblüfft, womöglich gar gerührt: „Oh my god!“. So ein Ruf nach ganz oben entfährt in solchen, oft viel unschöneren Momenten natürlich vielen Menschen. Aus dem Mund von Nick Cave klingt er jedoch noch einmal anders. Denn der australische Musiker hat, das weiß man spätestens seit seinen frühen Soloalben wie „From Her To Eternity“ oder „Tender Prey“, eine besondere Beziehung zu Gott und insbesondere zu seinem Widerpart, dem Teufel. Er hat gewissermaßen den direkten Draht in den Himmel und in die Hölle gleichermaßen: "God and all his devils“ heißt ein früher Song von ihm und seinen Bad Seeds.

Caves Auftritt hat etwas von einer Werkschau, einem Lebensstationenabschreiten

Keine Cave-Albumbesprechung, kein Cave-Konzertbericht also, die ohne Prediger-Vergleiche, Orpheus-Anspielungen und Höhlen-, Höllen-Christenmenschen-Witzeleien auskommen, in denen nicht der Himmel selbst über die, die aus der Hölle kommen aufgeht.
Trotzdem ist dies hier erst einmal ein Pop- oder Rockkonzert, ein schönes, wunderbares, wie sich zeigen wird, an einem zunächst ungewöhnlichen Ort, in einem Hochkultur-Ambiente, das Cave-Auftritten schon länger das einzig gemäße ist: ein Theater, feste Sitzplätze, feste Spiel- und Standplätze der Musiker, Klassik-Konzert-Anmutung. Außer der Reihe zudem: Nick Cave hat zuletzt sein Leben in einem Film erzählt, eine Form von filmischer Autofiktion, „20 000 Days On Earth“; er hat gerade ein Buch veröffentlicht mit Prosanotizen, Gedichten und anderen Einfällen, „The Sick Bag Book“, niedergeschrieben während einer US-Tour, auf die Kotztüten der Flugzeuge, die ihn und seine Band auf dem Kontinent herumkutschierten; und sein jüngstes Album, „Push The Sky Away“ ist inzwischen schon über zwei Jahre alt.

„Push The Sky Away“ steht dann zwar im Zentrum des Cave-Auftritts, die Songs dieses Album rahmen ihn: vom Eröffnungsstück "Water´s Edge" über das umwerfende, sich dramatisch steigernde, das Theater doch zum Rockpalast werden lassende „Jubilee Street“ vor den Zugaben bis hin zur allerletzten Zugabe, dem dräuend-wehmütigen Titelsong des Albums. Trotzdem hat das Ganze etwas von einer Werkschau, von Repertoirepflege, einem Lebensstationenabschreiten. Nick Cave intoniert allein am Piano den „Weeping Song“, den „Ship Song“ und auch das tolle Stück „Mercy Seat“, das so noch viel besser herüberkommt als in seiner Noise-Variante; dazu kommen andere alte Songs wie „Tupelo“ und „From Her To Eternity“, die in der Live-Fassung mit den vierköpfigen Bad Seeds zeitlos, aus einem Guss, genauso bohrend-bedrohlich wie staubig klingen, angetrieben von Martyn Caseys supertrockenem Bass und Thomas Wydlers sachte jazzigem Schlagzeug

"Can you feel my heartbeat?", fragt Cave das Publikum

Nick Cave scheint spätestens mit dem fünften Stück, dem „Higgs Boson Blues“ in einem anderen Aggregatszustand zu sein: nicht mehr ganz hier im Rockstarleben, ein bisschen schon dort, wo immer das ist, in einer eigenen Welt. Er erhebt sich von seinem Piano-Schemel, schlackert, druckst und mäandert über die große Bühne, bewegt seine Beine und Arme mitunter unkoordiniert. Ihm kommt der Ur-Blueser Robert Johnson des Weges gelaufen, dieser "devil-man" mit seinem "Killer groove", auf einer „black road“, und er kehrt wieder zurück in die Gegenwart, als er singt „Hannah Montana does the African Savannah“, als er die im Pool treibende Miley Cyrus sieht. Ja, genau, und er predigt in einer Sprache, die ihm gänzlich neu zu sein scheint, (und manchmal ziemliche Quatschzeilen produziert, aber egal), preaching in a language that´s completly new", da scheint er wirklich von den "neun Musen" inspiriert zu sein, von denen er in seinem „Sick Bag Book“ schreibt.

Aber Cave ist dann wieder in seinem schwarzen Anzug mitten drin im Hier und Jetzt und auch in seinem ihm spätestens jetzt alles aus der Hand fressenden, ihm jede Zeile von den Lippen lesenden Publikum. Er wandert die Reihen entlang, ergreift die eine oder andere Hand, fragt „Can you hear my heart beat?“ und erteilt Absolution (aber bitte keine Fotos davon!). Dass später ein Alterswitz über seine „natürlich“ schwarzen und natürlich (???) vollen Haare mit dabei ist: geschenkt. Ist halt nicht mehr 1988. Doch es gilt auch: "Who cares what the future brings", wie Cave singt.

Cave hat natürlich ein Heimspiel hier, von wegen der achtziger Jahre, als West-Berlin seine Homebase war. Die Gemeinde von früher ist fast geschlossen gekommen, von Meret Becker bis hin zu meiner Zahnärztin. (Es fehlen nur die paar, die beim Sterne-Konzert im HAU sind. Deren Sänger Frank Spilker bedankte sich dort ausdrücklich bei allen, die nicht in den Friedrichstadtpalast gegangen waren). So gibt es einen Song, den West-Berlins very own Blixa Bargeld geschrieben und Anita Lane gesungen hat, und Cave erwähnt, dass er „Mercy Seat“ einst in der Kreuzberger Wohnung seines Freundes Christoph schrieb (gemeint ist wohl Christoph Dreher, früher Die Haut, spielte kurz mal den Bass bei den Bad Seeds).

Doch Sentimentalität steht an diesem Abend nicht auf dem Programm, diese Nick-Cave-Show, diese Songs sind im gegenwärtigsten Sinn herzerwärmend und großartig. Außerdem: mit einem zotteligen Derwisch an der Seite, dem genial-durchgeknallten Multiinstrumentalisten Warren Ellis, kann sowieso nur wenig schief gehen. Nicht eine einzige Streicherorgie aus dessen Fingern hat irgendetwas peinlich Kitschiges, nicht die Glocke, die er dann und wann schlägt, nicht sein Background-Gesang. „And some people say it's just Rock'n'Roll/But it get's you right down to your soul/You've got to just keep on pushing/Push the sky away" zärtelt Cave zum Schluss. Klar, das Ganze erinnert auf seinen Oberflächen nur noch von sehr fern an sowas wie Rock’ n’ Roll, aber die Spuren des Rock ' n ' Roll, sein Gefühl und seine Seele. alles da! Und nichts scheint während dieses Konzerts leichter, als auf den Grund der eigenen Seele zu schauen und einfach mal den Himmel zur Seite zu schieben.

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