Kultur : Nicolai Thärichen: Jazz-Tentett im Berliner A-Trane

Hagen Kohn

Als Nicolai Thärichen am Sonntagabend die Creme der jungen Berliner Jazz-Szene im A-Trane versammelte, musste erst einmal das Kunststück vollbracht werden, zehn Musiker auf der ohnehin kleinen Bühne zu platzieren. Das Gedränge war groß, Musiker und Publikum vereinigten sich zu einer gut gelaunten Gesellschaft von Jazz-Menschen. Thärichens Tentett und seine Zuhörer begaben sich auf eine musikalische Reise kreuz und quer durch alle Genres, von poetischen Balladen bis hin zu Funk und Fusion (wieder am 18.11., 22 Uhr). Als roter Faden diente lediglich das unverhohlene Faible des Komponisten und Bandleaders für die Vertonung englischsprachiger Lyrik. Wie ein ins 21. Jahrhundert katapultierter Robert Schumann erfindet er das Kunstlied neu und lässt es von dem Gesangsakrobaten Michael Schiefel interpretieren. Dessen androgyne Stimme ist von einer unverschämten Ausdruckskraft und Flexibilität, so dass auch die süßlichsten Melodien in Falsett-Lage nicht kitschig wirken, zumal sie jederzeit in eine aberwitzige Vokal-Improvisation münden können, oder sich als Klangfarbe in den instrumentalen Gesamtklang einfügen. Eine Lobeshymne auf die technischen Fähigkeiten der neun Instrumentalisten würde den Rahmen sprengen und wäre außerdem nicht geeignet, die Qualitäten dieses Ensembles hinreichend zu beschreiben. Die stilistischen Eigenheiten der Musiker fügen sich unter Nicolai Thärichens Leitung zusammen zu einem homogenen und, im wahrsten Sine des Wortes, unerhörten Sound einer avantgardistischen Big Band. Jeder Vergleich zwecklos!

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