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Nicolas Berggruen : „Ich hoffe, ich habe sein Auge geerbt“

28.08.2007 16:53 Uhr
Nicolas Berggruen Foto: Thilo RückeisBild vergrößern
Berliner Investition: Der jüngste Sohn setzt im Museum Berggruen die Familientradition fort. - Foto: Thilo Rückeis

Nicolas Berggruen, Sohn des Sammlers, über die Zukunft des Museums und seine Liebe zur Kunst.

Herr Berggruen, wir befinden uns in der Wohnung Ihres Vaters im Museum Berggruen. Welche Gefühle bewegen Sie, wenn Sie nun erstmals diese Räume nutzen?

Ich wäre hier natürlich viel lieber mit meinem Vater. Aber ich bin glücklich, dass die Räume existieren, dass mein Vater dieses Museum gegründet hat und alles nach seinem Tod noch da ist. Für mich als Sohn ist das ein besonderer Ort der Erinnerung. Meinem Vater bedeutete es sehr viel, seine Sammlung gerade in Berlin zu haben. Ich fühle mich privilegiert, dies fortzusetzen.

Kurz vor seinem Tod haben Sie mit Ihrem Vater einige Zeit in der Stadt verbracht und viel über seine Kindheit in Wilmersdorf gesprochen.

Empfinden Sie ebenfalls eine familiäre Bindung an die Stadt?

Ich habe nie in Berlin gewohnt, bin hier nicht aufgewachsen wie mein Vater. Aber ich fühle mich hier sehr wohl und bin bereits vor der Gründung des Museum Berggruen und auch schon vor dem Fall der Mauer immer wieder in der Stadt gewesen. Als mein Vater mit seiner Kunst hierher kommen wollte, habe ich das sofort verstanden. Ich kam deshalb noch öfter in die Stadt und habe hier vor zwei Jahren eine Filiale meiner Holding gegründet, die sich mit Investitionen im Immobilienbereich beschäftigt, also vollkommen unabhängig von den Aktivitäten meines Vaters ist. Letztlich war das eine ökonomische Entscheidung, die ich jedoch nicht gefällt hätte, wenn ich Berlin nicht so attraktiv fände.

Ihr Vater verließ Deutschland im „Dritten Reich“ und konnte glücklicherweise seine Eltern ins Ausland nachholen. Sie selbst sind in Paris geboren und gehören zur zweiten Emigrantengeneration. Welches Verhältnis haben Sie zu Deutschland?

Da ich in Deutschland nie gelebt habe, bin ich so etwas wie ein Tourist, wenn ich hier bin. Andererseits fühle ich mich sehr deutsch, schließlich waren meine Eltern beide Deutsche, und wir haben zuhause in ihrer Muttersprache miteinander kommuniziert.

Seit über 20 Jahren leben Sie in den Vereinigten Staaten als Geschäftsmann. Ist Amerika Ihre Heimat?

Ich fühle mich zuhause, wo ich gerade bin, heute in Berlin, morgen in London. Ich brauche keinen festen Wohnsitz oder ein Haus mit meinem Namen vorne drauf. Ich bin glücklich mit einem Bett, Essen, Freunden und – einem Telefon.

Gegenwärtig intensivieren Sie ja Ihre Beziehungen zu Berlin. Kurz nach dem Tod Ihres Vaters im Februar gaben Sie und Ihre Familie bekannt, dass Sie die von Ihrem Vater nach 2000 erworbenen Bilder der Stadt übergeben wollen: rund 50 Werke von Picasso, Matisse, Cézanne und Klee. Was hat Sie dazu veranlasst?

Mit fiel diese Entscheidung leicht, denn auf diese Weise führen wir die Idee meines Vaters fort, der immer weiter Bilder für das Museum erworben hat. Mein Vater hat mit seiner Sammlung in Berlin gute Erfahrungen gemacht, deshalb war es für meine Mutter und uns Geschwister nur natürlich, erstens die Sammlung zusammen zu halten, zweitens in Berlin zu lassen und zu erweitern und drittens das Gebäude nebenan zu nutzen. Durch den Erweiterungsbau macht die Vergrößerung der Berggruen-Sammlung erst Sinn, ansonsten wäre zu wenig Platz.

Also werden auch Sie Ankäufe für das Museum tätigen?

Ja, denn das wäre im Sinne meines Vaters. Zuletzt habe ich etwa eine PicassoZeichnung erworben. Natürlich müssen diese Bilder in die Sammlung passen; letztlich entscheidet der Kurator der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Wie ist der Stand der Verhandlungen mit dem Kulturstaatsminister, der die Umbaukosten in Höhe von 3,5 Millionen Euro für den Anbau übernehmen soll, nachdem sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bereit erklärt hat, die laufenden Kosten zu übernehmen?

Die Signale sind sehr positiv. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch. Die weiteren Verhandlungen führt nun die Stiftung.

Wann wird der Erweiterungsbau denn eröffnet? Avisiert ist das kommende Frühjahr, wenn im gegenüberliegenden StülerBau die Sammlung Scharf-Gerstenberg mit ihren surrealistischen Werken der Öffentlichkeit übergeben wird.

Ich hoffe, dass es noch früher sein wird, denn das Erweiterungsgebäude ist in einem guten Zustand, und die Räume eignen sich ausgezeichnet für Bilder. Es passt perfekt zum Museum Berggruen. Zwischen den beiden Gebäuden liegt ein schöner kleiner Garten. Übrigens hat mein Vater von hier, von diesem Raum aus immer auf das benachbarte Gebäude geschaut. Dadurch entstand erst die Idee; er selbst hat den Anstoß gegeben.

Ihre Holding tätigt weltweit Investitionen. In den letzten Jahren haben Sie sich verstärkt im Berliner Raum engagiert, haben die Treptower Schuckert-Werke, die Kreuzberger Sarotti-Höfe und zuletzt das Café Moskau erworben, die alle denkmalpflegerisch aufwändig wieder hergerichtet werden müssen. Was reizt sie als „global player“ an diesen Gebäuden?

Das alles muss sich wirtschaftlich rentieren, aber durch unsere hohe Liquidität können wir uns langfristig engagieren. Außerdem bin ich an Architektur interessiert. In Berlin gibt es sehr schöne Gebäude, von denen wir einige erwerben konnten. Zugleich haben wir Grundstücke gekauft, auf denen wir Neubauten planen. Ich setze auf den Bevölkerungszuwachs. Berlin ist zwar riesig und hoch attraktiv, hat aber zu wenig Einwohner.

Wie Ihr Vater sammeln Sie selbst Kunst. Worauf haben Sie sich spezialisiert?

Ich sammle zeitgenössische Kunst: von Andy Warhol bis zu Damien Hirst und Jeff Koons. Sobald ich hier das geeignete Gebäude oder den passenden Ort für einen Neubau gefunden habe, soll diese Sammlung auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

In Ihrer Familie spielt Kunst eine große Rolle: Ihr Bruder John hat in den USA eine Galerie, ihr Bruder Olivier ist ein anerkannter Kunsthistoriker. Gibt es da ein Berggruen’sches Kunst-Gen?

Für uns war Kunst immer eine natürliche Umgebung. Wir wurden nie gezwungen, sie uns anzusehen. Auch Architektur hat mich immer schon interessiert, insbesondere die italienische Renaissance. In Amerika fing ich dann an, selbst Kunst zu sammeln, zeitgenössische Werke, die mein Vater niemals kaufen würde. Nicht aus Opposition, sondern weil es sich in dieser Umgebung ergeben hat. Eigentlich würde ich gerne italienische Renaissance sammeln, aber die schönsten Bilder hängen in Museen. Das geht heute nicht mehr. Zeitgenössische Kunst stellt dafür die größere intellektuelle Herausforderung dar: Wird diese Kunst nach 50 Jahren noch von Bedeutung sein?

Fragen, die denen eines Geschäftsmanns ähneln.

Das stimmt. Wenn man langfristig wirtschaftlich interessiert ist, muss man ebenfalls vorausschauend sein. Es gibt Kunst, die aktuell wichtig ist, aber man spürt, dass sie in zehn Jahren diese Relevanz nicht mehr hat. Man muss „fashion“ und langfristige Investition unterscheiden. Beides ist interessant, aber als Sammler sollte man sich langfristig engagieren.

Haben Sie da von Ihrem Vater das richtige Sehen gelernt?

Mein Vater war kein Lehrertyp; er hat uns Kindern keine Vorträge gehalten. Aber ich habe von ihm zwei Sachen gelernt. Erstens: nur Qualität zu erwerben. Und zweitens: sich zu konzentrieren. Mein Vater hat nicht 50 verschiedene Künstler gesammelt, sondern fünf, aber diese richtig.

Welche Eigenschaften haben Sie von Ihrem Vater geerbt?

Ich habe meinen Vater sehr bewundert. Ich hoffe, ich habe von ihm ein bisschen das Auge geerbt, die Geduld, Neugierde, Flexibilität, seine intellektuelle Rigorosität und die Menschlichkeit.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

ZUR PERSON

Nicolas Berggruen, der jüngste Sohn des Sammlers Heinz Berggruen (1914 – 2007) wurde 1960 in Paris geboren. Seit über 20 Jahren lebt er in den USA, wo der Sitz seiner Holding ist. Seit 1986 hat das Unternehmen weltweit über eine Milliarde Dollar investiert. In und um Berlin und Potsdam erwarb sie für 140 Millionen Euro Immobilien.

In Berlin trat Nicolas Berggruen Anfang Juli erstmals öffentlich als Vorsitzender des neuen Fördervereins des Museums Berggruen auf, zu dem auch seine Mutter Bettina und seine drei Geschwister gehören. Gemeinsam wollen sie das Familienerbe an Klassischer Moderne der Stadt überlassen und in einen Erweiterungsbau des Museums Berggruen einbringen, der 2008 eröffnet werden soll.

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