Kultur : Nie gesehene Meisterwerke

Die Barnes-Collection in Philadelphia ist pleite – und soll sich dem ganz normalen Publikum öffnen

Bernhard Schulz

Zwölf Minuten dauert die Fahrt mit dem Nahverkehrszug von Philadelphias Hauptbahnhof an der 30. Straße hinaus in den Vorort Merion. Eine Reise in eine andere Welt – eine Welt gepflegter Landsitze und freundlicher Bürger, die dem ortsunkundigen Besucher kurzerhand die Mitfahrt in ihrem Auto anbieten, als ob der viertelstündige Fußmarsch vom Bahnhof hinaus zur Barnes Collection eine Zumutung wäre.

Als Zumutung empfinden manche Bürger Merions die Anwesenheit der Kunstsammlung des Arztes und Pharmazeuten Albert C. Barnes – Doctor Barnes, wie er stets genannt wurde – in ihrer beschaulichen Gemeinde. Die Barnes Collection ist weltberühmt, spätestens seit sie 1993-95 für knapp zwei Jahre ihr im Stil des französischen Klassizismus erbautes Domizil verlassen durfte. Trotz der damals um die zwei Millionen Besucher in Paris, München und Tokio bleibt die Sammlung vergleichsweise unbekannt. Denn die 69 Gemälde von Cézanne, die 181 Renoirs, die 60 Matisses, die van Goghs und Seurats – um nur die wichtigsten zu nennen – dürfen Merion nach dem bereits 1922 festgelegten Stiftungsstatut des 1951 tödlich verunglückten Albert Barnes niemals verlassen.

Nicht einmal die Hängung in den zwei Dutzend Galerieräumen des vom französischen Beaux-Arts-Baumeister Paul Cret 1925 errichteten Palais darf den von Barnes hinterlassenen Zustand seither noch wechseln. Rund 4500 Objekte hat der kunstsinnige, mit einem Medikament gegen Sehstörungen reich gewordene Mediziner gesammelt; neben Gemälden vorwiegend des französischen Impressionismus und Post-Impressionismus auch Alte Meister, Kunsthandwerk, Volkskunst, chinesisches Porzellan, Möbel, Truhen und Beschläge. Dazu kommt ein gewaltiges Archiv, das bis heute nicht erschlossen ist, wie denn auch die vollständige Katalogisierung der Sammlung gerade erst im Gange ist.

Das Schlimmste – oder in den Augen der Barnes-abholden Nachbar-Eigner von Merion das Beste – aber ist die Restriktion des Besuches. Nur an drei Tagen der Woche darf das Haus Besucher empfangen, insgesamt 1200 an der Zahl; sie müssen vorangemeldet sein – wofür sich in der sommerlichen Hauptreisezeit einige Monate empfehlen – und dürfen nicht in Touristenbussen durch die stillen, verschwenderisch mit Laubbäumen gesäumten Straßen des Ortes anreisen.

Das könnte in Kürze Vergangenheit sein. Seit anderthalb Jahren läuft ein Prozess, ja eher eine erbitterte Schlacht um die Zukunft der Stiftung. Jetzt ist eine Entscheidung in Sicht; womöglich bereits in der kommenden Woche, wie Kimberly Camp, die Leiterin der Barnes-Stiftung, orakelt. Bei unserem Besuch hatte sie gerade eine Eilsitzung ihres Stiftungsrates hinter sich, um das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Camps Ziel ist klar: Sie will die Sammlung – nicht aber die Stiftung als Institution – ins nahe Philadelphia verlegen.

150 Millionen Dollar stehen bereit, zugesagt von den wichtigsten Unternehmensstiftungen Philadelphias, um den Umzug samt Neubau an der „Museumsmeile“ der ersten Hauptstadt der jungen Vereinigten Staaten zu finanzieren. Daneben soll die Stiftung endlich mit hinreichendem Kapital versorgt werden, um ihren Betrieb dauerhaft bestreiten zu können. Derzeit erwirtschaftet sie ein Defizit in Höhe von rund einer Million Dollar im Jahr – ein Nichts angesichts der auf bis zu 20 Milliarden Dollar geschätzten – allerdings rein fiktiven – Werte, die sie hütet, aber genug, um sie mittelfristig in den Bankrott zu treiben. Ohne spürbare Erhöhung der Besucherzahlen kein Unterhalt, und ohne Unterhalt nicht länger die Möglichkeit, Doktor Barnes’ Auftrag von 1922 zu erfüllen, nämlich „die Verbesserung der Bildung und die Wertschätzung der schönen Künste zu befördern“.

Der Streit um die Barnes Collection ist einer der bizarrsten, den die Kunstwelt je erlebt hat. Auf der einen Seite steht eine Kunstsammlung, die es mit jedem, aber wirklich jedem Museum der französisch geprägten Moderne aufnehmen kann. Auf der anderen Seite steht der – testamentarisch befestigte – Wille des Stifters, kein Museum, sondern eine Bildungsstätte zu errichten und zu betreiben. Der Unterschied scheint klein, ist aber im gegenwärtigen Verfahren von fundamentaler Bedeutung.

Barnes hasste die elitären Kunstfreunde der Ostküste. Er, der enge Freund des Philosophen des Pragmatismus John Dewey, appellierte an das natürliche Empfinden von Herrn und Frau Jedermann, wollte ihnen – mit dem Titel von Deweys berühmten Buch – „Kunst als Erfahrung“ vermitteln. Genau das, so argumentieren die Gegner des Umzugs nach Philadelphia, lasse sich in Merion verwirklichen, wo kleine Gruppen von Lernwilligen unter kundiger Anleitung die Sammlung so betrachten und erleben, wie Barnes sie zusammengestellt hat – nicht nach kunsthistorischen Kriterien, nach Chronologie oder Stilentwicklung, sondern als ein dichtes Gewebe visueller Bezüge.

Bildungseinrichtung oder Museum, diese Alternative liegt dem vor dem zuständigen Gericht anhängigen Verfahren zugrunde. Denn als Bildungseinrichtung – Barnes hatte im Jahr vor seinem Tod die überwiegend schwarze Lincoln-Universität mit der Treuhandschaft betraut – benötigt die Barnes Foundation nicht die Hunderttausende von Besuchern, die sie als Museum mit Leichtigkeit anlocken würde. Als Bildungseinrichtung könnte sie zudem aus ihrem riesigen, großenteils überhaupt noch nie ausgestellten Depot etliche Schätze veräußern, um den nötigen Kapitalstock einer langfristigen Tätigkeit zu bilden, während sie als Museum zur unbedingten Bewahrung des Barnes’schen Erbes verpflichtet wäre. Als Bildungseinrichtung könnte sie den strengen Auflagen der beschaulichen, ausgesprochen konservativ-großbürgerlichen Gemeinde Merion auch weiterhin Genüge tun.

Ist es das, was Albert Barnes unter der „Wertschätzung der schönen Künste“ verstanden wissen wollte? Darüber muss der zuständige Richter, Stanley R. Ott, befinden. Barnes schriftliche „Instruktionen“ sind auslegungsfähig. Als das kantige Palais der Renovierung bedurfte, gestattete das Gericht die weltweite Tournee von 1993-95, um die Kosten einspielen zu können. Mit einem baufälligen Gebäude wäre Barnes’ Vermächtnis schließlich nicht zu erfüllen gewesen.In ähnlicher Weise ist jetzt der auf die Dauer unabwendbare Bankrott der Stiftung – die die wachsenden Aufwendungen für die Pflege einer der kostbarsten Kunstsammlungen der Welt nicht mehr aufbringen könnte, von ihrer sachgerechten wissenschaftlichen Erschließung ganz zu schweigen –, das stärkste juristische Argument der Umzugs-Befürworter.

Man sollte meinen, dass der Umzug allen Parteien gelegen käme: Kimberly Camp und ihren Trustees ebenso wie den Bürgern von Merion. Doch es gibt Barnes-Adepten, die den Willen des eigensinnigen Arztes hoch halten und in der Verlegung nach Philadelphia den späten Sieg genau jener kulturprägenden Kräfte sehen, die Barnes verabscheute – in Gestalt der großen Stiftungen Philadelphias, die im Verein mit der Stadt die glamouröse Aufwertung ihres Museumsquartiers betreiben. Unbestreitbar würde die Sammlung damit zum publikumsorientierten Museum.

Als Barnes seine Stiftung errichtete, war Kunst das Vorrecht einer schmalen, gebildeten Elite. Museen waren Tempel – und in nichts den heutigen Publikumsmagneten zu vergleichen, die alle Anstrengungen unternehmen, möglichst weite Teile der Bevölkerung zu erreichen. Genau das aber erstrebte Barnes: Bildung als Weg aus der Unterprivilegierung der breiten Massen. Der Arzt suchte in der Kunst nicht den Ausweis von Status, sondern die Möglichkeit sinnlich vermittelter Bildung. Der Künstler sollte durch sein originales Werk sprechen; darum verbot er übrigens auch Reproduktionen. Bis heute existiert ein einziger gedruckter Katalog der Sammlung: der der Welttournee, den Gralshütern als Urübel des jetzigen Streites erscheint.

Die Barnes-Sammlung zu besuchen, war stets ein Privileg. Nicht alle haben es genossen. Alfred Barr, der legendäre Gründungsdirektor des 1929 eröffneten New Yorker Museum of Modern Art, soll sich seinerzeit unter falschem Namen Zutritt verschafft haben. Als der Schwindel aufflog, erteilte Barnes ihm lebenslanges Hausverbot. Barr hat die „nie gesehenen Meisterwerke“ – wie der Untertitel der Welttournee mit Recht lautete – nie wieder betrachten dürfen.

Merion (Pennsylvania), Freitag bis Sonntag 9 Uhr 30 bis 17 Uhr. Informationen unter www.barnesfoundation.org

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben