Kultur : Nie kreuzten unsere Wege sich

Protokoll einer Distanzbeziehung: Wolfgang Matz klärt das Verhältnis von Borchardt und Benjamin

von

Die intellektuelle Paarbeziehung, der Wolfgang Matz in seiner schmalen Studie nachgeht, war vordergründig gar keine. Denn die beiden Autoren, um die es geht, sind einander allen Zeugnissen nach nie über den Weg gelaufen. Doch sie teilten Herkunft und ästhetische Ambitionen in der geistfeindlichen Epoche zweier Weltkriege während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Rede ist von Walter Benjamin und Rudolf Borchardt.

Matz, hauptberuflich Lektor im Münchner Hanser Verlag, hat sich schon mit seiner zum Standardwerk avancierten Adalbert-Stifter-Biografie (1995) und „1857. Flaubert Baudelaire Stifter“, einer luziden Einführung in die literarische Moderne (2007), als Literaturwissenschaftler einen Namen gemacht. Außerdem hat er zusammen mit seiner Frau Elisabeth Edl so große französischsprachige Dichter wie Philippe Jaccottet, Francis Ponge und Henri Michaux übersetzt.

Die intellektuelle Doppelbiografie, die er nun mit „Eine Kugel im Leibe“ geschrieben hat, müsste im Untertitel, wie sich im Lauf der Lektüre zeigt, eigentlich „Borchardt bei Benjamin“ heißen. Das „und“ täuscht darüber hinweg, dass nicht einmal die gegenseitige Kenntnisnahme aus der Leseentfernung paritätisch war. Walter Benjamin (1892-1940) nimmt in seinen Schriften, vor allem in Briefen und einigen Rezensionen, weitaus häufiger Bezug auf Rudolf Borchardt (1877-1945) als umgekehrt. Borchardt hat Benjamin nur am Rande wahrgenommen, als einen durch Hugo von Hofmannsthal in dessen „Neuen deutschen Beiträgen“ geförderten Aufsteiger.

Was der mit Hofmannsthal befreundete Borchardt nicht wissen konnte: Eine gegen ihn gerichtete Spitze war eigens für den Abdruck aus Benjamins berühmtem Aufsatz zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ entfernt worden – Teil einer sensiblen, nicht selten intriganten Beziehungspolitik, die Benjamin duldete, wenn nicht gar selber vorantrieb.

Im brieflichen Disput mit den Freunden Gershom Sholem und Werner Kraft hatte sich der junge George-Anhänger von Borchardts antimoderner, preziöser Art der Kunstreligion distanziert, nicht ohne jedoch dessen Verdienste als sprachmächtiger Übersetzer, Essayist und Lyriker zu würdigen. Schon als sich Borchardt 1915 daran machte, Kraft vom Sinn des Ersten Weltkriegs zu überzeugen, war Benjamin entsetzt und mutmaßte, Borchardt habe statt eines Herzens eine „Kugel im Leibe“.

Benjamins Vorbehalte münden in einem Brief an Ernst Schoen in eine Fundamentalkritik des „unlauteren“, sich mit dem Anschein „nur“ schöner Poesie um höchste Erkenntnis bringenden Dichters.

Das mochte angehen, solang es sich auf Borchardts chauvinistisches Engagement im Ersten Weltkrieg bezog, das der Autor von „Dante deutsch“ zum Dichteramt verklärt hatte. Wolfgang Matz aber zeigt, wie wenig Benjamins Verdikt Borchardts eigentümliche poetische Konzeption zu treffen vermag.

Hier ergeben sich Berührungspunkte: Keiner von beiden übersetzte mit Rücksicht auf ein spezielles Publikum, sondern mit dem Anspruch, eine neue Sprache zu erfinden. Beide waren glänzende Essayisten, deren bis ins Entlegene reichende kulturhistorische Wissen erstaunliche Synthesen gebiert. Beide gaben sich nicht mit dem ethischen und kulturellen Niveau ihrer Gegenwart zufrieden, sondern suchten nach Auswegen aus den Verlusterfahrungen der Moderne, die jedoch – hier beginnen die Unterschiede – in entgegengesetzte Richtungen weisen.

Entwarf Benjamin eine messianische, vag kommunistisch konturierte Zukunft mit dem Rücken zur Geschichte, so versuchte Borchardt gerade aus der Geschichte positive Gegenbilder zu konturieren. Zwischen beiden, auch dies vergisst Matz nicht zu betonen, klafft die konträre Einstellung zur literarischen Moderne: Proust und der Surrealismus, Tendenzen, die Benjamin fast mythisch verehrte, weckten Borchardts ästhetische Abscheu. Dann wiederum das gemeinsame Schicksal als von den Nazis verfolgte jüdische Intellektuelle – für Borchardt besonders bitter, weil er sich stets als Erneuerer der deutschen Sprache aus deutschem Geiste verstanden hatte. Das ist nicht nur biografisch interessant: Matz gelingt es, am Beispiel der von Anfang an „schiefen“ Konstellation Benjamin–Borchardt ein Protokoll deutsch-jüdischer Geistesgeschichte zu skizzieren, hinter dem sich der Horizont einer ganzen Epoche abzeichnet.

Wolfgang Matz: Eine Kugel im Leibe. Walter Benjamin und Rudolf Borchardt: Judentum und deutsche Poesie. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 170 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben