Kultur : Nie mehr die Kälte und die Scham

Veronique Olmis erster Roman ist ein erschütterndes Werk über die Liebe und die Verzweiflung einer Mutter

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Von Christina Bylow

Eine Frau fährt mit ihren beiden Söhnen ans Meer, übernachtet mit ihnen in einem Hotel und bringt sie dort um. Nach dem Mord bittet sie den Nachtportier, nach ihren Kindern zu sehen, geht zu einer Telefonzelle und stellt sich der Polizei. So etwa lautete die Zeitungsnotiz, die Veronique Olmi derart bewegte, dass sie zunächst eine Novelle schrieb, die sie später zum Roman „Meeresrand“ ausarbeitete. Ein Detail hatte sich ihr besonders eingeprägt: Die Frau hatte ihre Kinder am Abend noch auf einen Jahrmarkt mitgenommen, hatte ihnen Pommes Frites gekauft. So, als wollte sie ihnen eine letzten Traum erfüllen. Genau darin lag für Olmi die Nähe von tiefer, fürsorglicher Liebe und einer überbordenden Verzweiflung, die diese Frau zur Mörderin ihrer Kinder macht.

„Meeresrand“ ist ein Buch an der Grenze der Zumutbarkeit, wie alle Kunst. Man möchte diesen schmalen Roman weglegen und kann es doch nicht, man wird eingesogen vom Strom dieser Radikal-Prosa, die einen okkupiert wie ein Alptraum. Oft wünscht man, dass es das wäre, ein böser Traum, den die Frau in diesem Buch schließlich abschüttelt. Aber es gibt keinen Ausweg, und das ist vom ersten Absatz an klar. „Bevor wir aufbrachen, hatten die Kinder noch etwas gegessen, ich bemerkte, dass sie einen Rest Marmelade im Glas ließen, und ich dachte, diese Marmelade bleibt umsonst stehen, schade drum, aber ich hatte sie gelehrt, nichts zu verschwenden und auch an morgen zu denken“.

Veronique Olmi, 1962 in Nizza geboren, ist in Frankreich eine bekannte Theaterautorin. Ihre Stücke sind im Mikrokosmos der Familie angesiedelt – und sezieren dessen fatale Intimität, den immer wieder wirksamen Kitt aus Lügen, gemeinsamen Opfern, aus Banalität und sentimentaler Beschwörung der Zusammengehörigkeit.

Olmis Theater ist dabei durchaus realistisch – sie ist nicht zu Unrecht mit ihrer Kollegin Jasmina Reza verglichen worden, verzichtet aber auf deren Geschmeidigkeit. Veronique Olmi ist eine Defätistin aus tiefster Überzeugung. Schon in „Magali“ – einem Stück über eine zerbrochene Mutter-Tochter-Beziehung – trifft sie damit ins Allerheiligste, nämlich in das Universum Mutter und Kind: „Schaff dir nie Kinder. Niemals. Du drückst ein Neugeborenes an dich, dann wächst es und klettert auf deinen Schoß, später, wenn es zu dir kommt, schlingt es seine Arme um deinen Hals, und da begreifst du. Du begreifst, dass dein Säugling eine Schlingpflanze ist, die gewachsen ist. Eine fleischfressende Pflanze.“

Dies sagt Juliette, eine alte Dame, Mutter, Großmutter, Sproß großbürgerlicher Familie, die diese mit ihrer Spielsucht ruiniert hat. Olmi, selbst Mutter zweier Töchter, lässt ihre Figuren auf der Bühne sprechen, wie es andere nicht einmal hinter verschlossenen Türen tun. Komik ist ein Nebenprodukt ihrer dramatischen Begabung, nicht deren Ziel.

Das Material für „Meeresrand“ war für Olmi von Anfang an kein Stoff für das Theater. Es ging ihr um die Angst dieser Frau, „eine Angst, die das Leben der Mutter aus dem Lot bringt, bis sie sich vollkommen von der Realität löst.“

Die Form dieser Selbst-Verzehrung ist ein innerer Monolog, den Olmi im Atemrhythmus ihrer Hauptfigur vorantreibt. Flackernd, gehetzt, asthmatisch. Nur der Blick auf die Kinder verlangsamt den Parcours der Verzweiflung. Denn nichts entgeht ihr an ihnen. Wie sie lachen, wie der Ältere – Stan – den Jüngeren – Kevin – und die Mutter beschützen will, wie sie weinen und schließlich, wie sie schlafen, bevor sie sterben müssen. Die Frau kennt ihre Kinder – sie kennt sie besser, als jene Mütter, die jeden Tag pünktlich vor der Schule stehen und doch nichts wissen über ihre Kinder.

Olmis Protagonistin gehört nicht zur Armada der zuverlässigen Mütter. Sie gehört nichts und niemandem an. Sie bleibt nlos, geschichtslos, ohne Erinnerung, ohne Geld. Eine Frau am äußersten Rand der Peripherie. Wenn sie spricht, hält sie sich die Hand vor den Mund, weil sie sich ihrer Zahnlücken schämt. Ihre Stimme zittert, der Schweiß bricht ihr aus. „Vermeiden Sie Anfälle vor den Kindern“, sagt der Psychiater vom Sozialamt. Oder: „Es gibt Gedanken, die führen direkt in den Abgrund.“

Der Sozialapparat maßregelt diese Frau, helfen kann oder will er ihr nicht. Weil ihr nicht zu helfen ist? Ohne jede Weinerlichkeit erzählt Veronique Olmi von einer fundamentalen psychischen Zerstörung – wie sie im Grunde jede Mutter erlebt: „Die Geburt eines Kindes ist ein heftiger psychischer Schock, und je mehr man dieses Unbehagen der Frauen verschweigt – und wir setzen immer voraus, dass es allen gut geht – desto mehr nimmt es zu“, sagte Olmi in einem Fernsehinterview. In den rosagefärbten Ratgebern der Wartezimmer ist davon keine Rede, und die Verlogenheit von der heiteren, gern auch mühseligen Natur des Mutterseins setzt sich fort.

Veronique Olmi sabotiert die Eia-Popeia-Welt mit literarischen Mitteln. Ihre Figur ist durch und durch poetisch. Der Monolog lässt sich nie zuordnen, keinem Milieu und keiner Krankengeschichte. Redensarten glitzern darin herum, wie Restsätze aus Talkshows und dann wieder ergeht sich die Frau in wundersam irrlichternder Meeresmetaphorik: „Das Meer war jetzt wohl auch so schwarz geworden wie der verengte Himmel. Das Meer war übervoll von toten Matrosen, die in seinen Wellen ersoffen waren, so sanft. Das Meer war ein einziger schwimmender Friedhof, riesig und kalt.“

Im geschlossenen System der Verzweiflung wird alles – und gerade das ersehnte Meer – zum feindlichen Ort. Außen- und Innenwelt lösen sich ineinander auf. Die Realität – von der Mutter als Feindesland wahrgenommen – verschlingt schließlich auch die Arche dieser Kleinstfamilie. „Schlamm“ ist das Bild für die Welt, wie Olmis Heldin sie sieht. Um ihre Kinder vor dem Schlamm zu schützen, bringt sie sie um.

„Das Problem ist: Wir bringen Babies zur Welt, und die Welt übernimmt sie. Wir sind Brutbäuche, mehr nicht, danach entgleitet uns alles, und sehr bald wird uns mitgeteilt, dass wir aus dem Rennen sind.“

Wer den Schrecken dieser Sätze nicht ertragen kann, muss zu den rosa Ratgebern zurück.

Veronique Olmi: Meeresrand. Roman. Aus dem Französischen von Renate Nentwig. Verlag Antje Kunstmann, München 2002. 120 Seiten, 14,90 €.

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