Kultur : Nieder mit dem Geld!

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Von Peter Laudenbach

Die Festgesellschaft scheint schon etwas übernächtigt zu sein. Vor einem roten Samtvorhang, der eher wie aus dem Festsaal in einem Schloss als nach den Freuden des alten Theaters aussieht, hat sich ein erschöpfter Mann an der Tafel niedergelassen. Ab und zu hebt er den Kopf und murmelt leise und auf Italienisch etwas von einer Prinzessin. Rechts von ihm steht eine Dame im eleganten, schwarzen Abendkleid vor einem Mikrofon und erzählt die gleiche Geschichte auf Englisch: „A boat is leaving Babylon with the princess on board. She is beautiful.“ Im Hintergrund, vor dem roten Vorhang, sitzt ein schmaler Mensch, der aussieht wie ein Büroangestellter. Ab und zu hebt er den Kopf und erzählt sehr energisch kurze Geschichten, die schnell und mechanisch auf den Geschlechtsakt hinauslaufen.

Ein Träumer, eine Dame und ein Zwangsneurotiker mit einem kleinen Sexualdefizit – lauter leicht entrückte Figuren, die sich hier zu Wein und Plauderei versammelt haben. Ingo Kerkhof hat in den Sophiensälen Erzählungen aus dem Decamerone des Giovanni Boccaccio in einen mehrsprachigen Theaterabend von suggestiver Kraft verwandelt. Die jungen, lebensgierigen Leute, die vor der in Florenz wütenden Pest aufs Land geflohen sind und sich zehn Tage und Nächte lang die Zeit damit vertreiben, einander Geschichten von Liebe und Laster, Geldgier und Hinterlist zu erzählen, sind zu Zeitgenossen geworden, vielleicht die Überlebenden einer europäischen Katastrophe, vielleicht nur übrig Gebliebene einer Festgesellschaft. Zum italienisch-deutsch-englischen Sprachgewimmel, einem europäischen Murmeln und Seufzen, passt, dass auch Boccaccios Dekameron Anleihen bei vielen Sprachen und Erzählweisen macht. „Es öffnet sich orientalischen Fantasien, antiken Romanen und mittelalterlichen Erzählungen“, notiert Kurt Flasch, dem wir zwei der klügsten Bücher über das Decamerone und wunderbare Neuübersetzungen der Novellen verdanken.

Ingo Kerkhof, eher ein spröder Regisseur, der seine Inszenierungen von Theatereffekten und gefälligen Äußerlichkeiten frei hält, vertraut der Grundsituation: Einige junge Leute erzählen sich Geschichten, trinken Wein und führen Selbstgespräche, während die Welt um sie versinkt. Diese Außenwelt und ihre Bedrohungen bleiben diffus; wovor die hier Versammelten geflohen sind, kann man nur ahnen. Irgendwann tritt ein italienischer Komödiant mit aufgeknöpften Hemd über der behaarten Brust, kräftiger Komik und derben Manieren hinter dem Vorhang hervor, ein Herr im Anzug und öligem Haar komplettiert das Ensemble. Lässig spielt Kerkof hier mit nationalen Stereotypen, wobei naturgemäß ein Deutscher (Thomas Chemnitz) recht überzeugend den sexbesessenen Neurotiker zu geben hat. Er reduziert Boccaccios Novellen auf ihren pornografischen Kern und zitiert damit ein beliebtes Missverständnis, wonach es sich beim Dekameron nur um eine Sammlung schlüpfrig-saftiger Anekdoten handle.

Die lange, ausschweifend mäandernde Geschichte von der babylonischen Prinzessin und ihren neun Ehemännern – es ist übrigens die siebte Novelle des zweiten Tages – wird in vielen Variationen erzählt, am plumpsten natürlich von dem Deutschen, der bei jedem der zahlreichen Geschlechtsakte mit einem Wasserglas auf ein anderes einhämmert. Nicht die einzelnen Geschichten von Ehebrechern, geilen Mönchen, abgehackten Köpfen, aus denen Basilikum wächst, und sterbenden Jungfrauen sind der Kern des Abends. Es ist die Situation des Aus-der-Welt-Seins, des ziellosen Wartens und Träumens. In diesem melancholischen Rahmen hat Silvia Guidi, eine hinreißende italienische Schauspielerin, einen großen Auftritt. Gibt sie zunächst eine eher komische Figur mit verwuseltem Haar, wird sie im roten Abendkleid zu einer mondänen Erscheinung, einer großen Dame, einer Diva, die mit aller Würde und Heftigkeit die gespenstische Geschichte einer schönen, verliebten Jungfrau erzählt, die am Ende lebend verfault, nur weil sie schon solange reglos auf ihren Liebhaber wartet.

Die atmosphärische Verdichtung, die Kerkhof in der ersten Stunde der Aufführung glänzend gelingt, löst sich im letzten Dritteln in Gesangsnummern und Belanglosigkeiten auf. Das ist schade, ändert aber nichts daran, dass die Inszenierung einen schönen Satz aus dem Dekameron glänzend vorführt. In Kurt Flaschs Übersetzung lautet er: „Nieder mit dem Geld! Es lebe die Liebe!“

Wieder heute und bis 9. Juni, jeweils 21 Uhr.

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