Kultur : "Nieder mit Gluck!"

JÖRG VON UTHMANN

Brahms war 43 Jahre alt, als er es wagte, mit seiner ersten Sinfonie vor das Publikum zu treten.Fontane ließ sich sogar 59 Jahre Zeit, bevor er seinen ersten Roman veröffentlichte.Und Jean-Philippe Rameau war bereits - für damalige Verhältnisse - ein Greis von 50, als seine erste Oper aufgeführt wurde.Er schrieb dann noch zwei Dutzend weiterer Bühnenwerke, doch hatten sie Mühe, sich im Repertoire zu halten.Solange Rameau lebte, attackierten ihn die Anhänger der traditionellen italienischen Oper: Der Kampf zwischen lullistes und ramistes entlud sich in ebensovielen polemischen Schriften wie hundert Jahre später der Kampf zwischen Brahmsianern und Wagnerianern.Und als Rameau 1764 starb, stand schon ein neuer Stern am Opernhimmel, der obendrein über glänzende Beziehungen zu höchsten Kreisen verfügte: Christoph Willibald Gluck hatte Marie Antoinette, als sie noch eine österreichische Prinzessin war, Musikunterricht gegeben.

Aber es waren nicht nur die veränderten Verhältnisse am Hof, die die Opern Rameaus in Vergessenheit geraten ließen.Auch der musikalische Geschmack hatte sich geändert.Mit den oft albernen Libretti, die nur ein Vorwand für eine mit leichter Hand angerichtete Mischung von Tanz und Gesang waren, konnten spätere Generationen nichts mehr anfangen.In der Welt der klassischen Allegorien und Mythen, die Rameau seinem aristokratischen Publikum nicht zu erklären brauchte, fanden sich die bürgerlichen Opernfreunde nicht zurecht.Im 19.Jahrhundert galt er als Inbegriff einer Kunstform des Ancien régime, die sich ebenso überlebt hatte wie das Schönheitspflästerchen und die gepuderte Perücke.

Erst im 20.Jahrhundert gab es hin und wieder Anläufe, den Sarg zu öffnen und den berühmten Toten in Augenschein zu nehmen - manchmal mit chauvinistischen Untertönen: "Es lebe Rameau! Nieder mit Gluck!" soll Claude Debussy nach einer Aufführung des Balletts "La Guirlande" in der Pariser Schola Cantorum ausgerufen haben.1908 setzte die Opéra de Palais nach 140jähriger Unterbrechung wieder eine Oper von Rameau auf den Spielplan, seinen Erstling "Hippolyte et Aricie".Das Ergebnis war katastrophal: Gabriel Fauré fand die Ausgrabung "sehr monoton und wenig theatralisch", und das war noch eines der milderen Urteile.Seit diesem Debakel wagte sich das Haus nur noch zweimal an Rameau heran.Da das Cembalo in der "großen Boutique" allzu mickrig klang, wurden die Rezitative durchkomponiert, es wurde gestrichen und umgestellt, und was der Story an modernem Pep fehlte, wurde durch Bühneneffekte aufgemotzt, deren sich der Lido nicht hätte zu schämen brauchen.Im Blumenakt der "Indes galantes" wurde sogar Parfum ins Parkett gesprüht.

Erst 1985 begann die Pariser Oper, sich den Postulaten eines neuen, puristischen Zeitalters anzubequemen.Mit dem Wahlfranzosen William Christie und seinen Arts Florissants zog erstmals ein authentisches Barock-Ensemble in das Palais Garnier ein.Vorsichtshalber sondierte man das ungewohnte Terrain mit einer Inszenierung von "Hippolyte et Aricie", die sich bereits bei den Festspielen von Aix bewährt hatte.Auch "Platée", der zweite Versuch, hat einen Vorläufer.Mit der Einspielung dieser Oper begründete Marc Minkowski, der mit seinen in Grenoble ansässigen Musiciens du Louvre auch die Pariser Aufführungen bestreitet, 1988 seinen Schallplattenruhm.

Am Beispiel von "Platée" läßt sich sehr gut zeigen, warum die Zeitgenossen Rameau bewunderten und die Nachwelt ihn verschmähte.Die comédie musicale ist nicht besonders komisch, eigentlich sogar ziemlich roh und entschieden zu lang.Doch die Musik ist voller brillanter Einfälle.Im Kern geht es um einen nicht besonders geschmackvollen practical joke: Um seine - keineswegs grundlos - eifersüchtige Gemahlin Juno zu züchtigen, steigt Jupiter in eine Moorlandschaft hinab und macht der häßlichen, aber ungewöhnlich eitlen Nymphe Platäa den Hof.Als die Hochzeitsfeierlichkeiten in vollem Gang sind, fährt Juno dazwischen, erkennt lachend, daß in diesem Fall kein Anlaß zur Aufregung besteht, und Platäa kehrt tief geknickt und von allen gehänselt in ihr Moor zurück.Rameau komponierte die Oper für eine andere Hochzeitsfeier - die des Vaters von Ludwig XVI.und einer spanischen Infantin, an der die boshafte Hofgesellschaft ebenfalls äußere Vorzüge vermißte.Die Pariser lernten das Werk 1749 kennen, vier Jahre nach der Hochzeit, als die Braut schon im Kindbett gestorben war.

Die Suche nach dem barocken Originalklang hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht.Während die Instrumentalisten zunächst Mühe hatten, ihren archaischen Geräten reine Töne zu entlocken, haben sie die technischen Probleme inzwischen in den Griff bekommen.Anders steht es mit den Stimmen.In die neue Marktnische drängen immer noch viele Sänger, deren Material für Opern von Mozart bis Strauss schwerlich ausreichen würde.So ist es auch bei "Platée".Minkowski und sein Orchester servieren Rameaus Musik mit praller Virtuosität.Von der Bühne erreicht uns dagegen so mancher säuerliche oder hohle Klang.Glücklicherweise sind die beiden Hauptpartien brillant besetzt.Rameau schrieb die Titelrolle für einen hohen Tenor.Jean-Paul Fouchécourt macht aus dem absurden Wasserwesen eine rührende Gestalt; die Hürden der voix mixte nimmt er mit Bravour.Noch anspruchsvoller sind die Koloraturen und Rouladen, die Rameau dem - persönlich auftretenden - Liebeswahnsinn in den Mund legt: Mit ihren beiden Arien, in denen sich Rameau selbst parodiert, reißt Annick Massis das Publikum zu Ovationen hin.

Sie trägt ein Kleid aus Notenblättern, und auch sonst hat sich Regisseur und Kostümbildner Laurent Pelley viel Lustiges einfallen lassen.Da im Vorspiel Thalia, die Muse des Theaters, und die Erfinder der Tragödie und der Satire, Thespis und Momus, auftreten, hat er ein plüschiges Theater auf die Bühne gestellt, das sich von Akt zu Akt "dekonstruiert" - eine Verbeugung vor der herrschenden philosophischen Mode, die an der Sorbonne bestimmt gefallen wird.Die Tanzeinlagen (Choreographie: Laura Scozzi) sind von grotesker Komik.Wenn die Paare anfangen, aufeinander einzuprügeln, dann ist kein Zweifel mehr möglich, daß die Gastspiele der Wuppertalerin Pina Bausch in Paris ihren Eindruck hinterlassen haben.

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