Niederlande : Rückgabe der Goudstikker-Bilder

Die Rückgabe von 202 wertvollen Gemälden an die Erben des vor den Nazis geflohenen Kunsthändlers Jacques Goudstikker (Bild) aus Amsterdam wird in der niederländischen Museumslandschaft Spuren hinterlassen.

Den Haag - Der Direktor des Maastrichter Bonnenfantenmuseums, Alexander van Grevenstein, sprach gar von einem Aderlass. Aber wie seine Kollegen aus anderen Häusern würdigte auch er die Wiederherstellung des Rechtsfriedens.

So sah es auch Goudstikkers Schwiegertochter, nachdem die Regierung in Den Haag die Rückgabe dieser Bilder beschlossen hatte. «Endlich wird Jacques Goudstikker und seiner Familie Gerechtigkeit getan», sagte Marei van Saher, die sich mit ihrer Tochter Charlène in Erwartung der Entscheidung seit Tagen in Den Haag aufhielt. Von dort reiste sie kurz nach Dresden, wo die Staatlichen Kunstsammlungen ihr das «Blumenstilleben auf Steintisch» der Amsterdamer Malerin Rachel Ruysch aushändigten.

Auch dieses Werk gehörte zu den Hunderten Bildern, die der nationalsozialistische «Reichsfeldmarschall» Hermann Göring 1940 für lächerliche zwei Millionen Gulden aus Goudstikkers Besitz gerafft hatte. Es sei selbstverständlich, es zurückzugeben, da es seinen rechtmäßigen Besitzern entzogen worden sei, erklärte die Direktion der Dresdner Sammlung. Schon im Dezember hatte sich das Düsseldorfer Museum kunst palast von dem Bild «Tricktrack-Spieler und Raucher» des Niederländers Dirck Hals (1591-1656) getrennt, das ebenfalls zu Görings Beutestücken gehört hatte.

Goudstikker, der in den 30er Jahren den größten Kunsthandel der Niederlande besaß, war im Mai 1940 auf der Flucht vor den Nazis auf einem Schiff zu Tode gestürzt. Nach dem Krieg kam ein Teil von Görings Beute in staatlichen niederländischen Besitz. Goudstikkers Frau Dési besaß noch das kleine lederne Ringbuch, in dem ihr Mann seine An- und Verkäufe sorgfältig dokumentiert hatte. Sie versuchte die Werke wiederzuerhalten. Doch für die Regierung in Den Haag hatten sie mit dem Verkauf an Göring rechtmäßig den Besitzer gewechselt.

Anders sah es schließlich die unabhängige Kommission, die die Regierung seit einigen Jahren in diesen Fragen berät: Sie ging von einem im Vergleich zu früher «großzügigeren» Restitutionsgedanken aus und stellte darauf ab, dass die Erben Goudstikkers ihren Besitz an den Gemälden jedenfalls nicht freiwillig aufgegeben hätten. Damit sei ihr Anspruch auf Rückgabe in 202 von 267 geprüften Fällen begründet.

Die Bilder von ganz unterschiedlichem Wert - darunter Stücke berühmter Meister des «goldenen» 17. Jahrhunderts - liegen verstreut in Depots, manche hängen in Museen, andere zieren niederländische Botschaften im Ausland. Sie alle werden etwas abgeben müssen. Aber manche trifft es besonders hart - das Bonnenfantenmuseum zum Beispiel mit mehr als 30 sorgfältig restaurierten Landschaften aus der Goudstikker-Sammlung. Oder das Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam mit einem der kostbarsten Werke des französischen Barockmalers Claude Lorrain. «Ein Verlust für die Niederlande», sagt Direktor Sjarel Ex, «doch was uns nicht gehört, kann hier nicht bleiben».

Auch aus den anderen betroffenen Häusern kommt kein Klagen, wohl aber ein Bedauern darüber, dass diese Bilder womöglich bald nicht mehr in den Niederlanden zu sehen sind. So mancher hofft, dass sie durch Rückkauf oder als Leihgabe vielleicht sogar ihren jetzigen Platz behalten können. Andere befürchten, dass die Versteigerung droht, schließlich beschäftigt Erbin Marei von Saher ein großes Team teurer Rechtsanwälte. Sie selbst hat bislang nicht verraten, was ihre Pläne sind - erstmal wollte sie nur die gute Nachricht genießen. «Wir halten uns alle Optionen offen», assistierte die 29-jährige Tochter Charlène geschäftsmäßig. (Von Thomas P. Spieker, dpa)

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