Kultur : Niemand sein, für alle sprechen

Eine Ausstellung in der Pariser Bibliothèque Nationale porträtiert Sartre als intellektuellen Prototyp

Cornelius Wüllenkemper

Kaum ein Intellektueller hat seine Zeit so geprägt wie Jean-Paul Sartre das Frankreich der Nachkriegszeit. Er selbst wollte Spinoza und Stendhal zugleich sein, Denker und Erzähler. Und tatsächlich gelang es ihm, als Schriftsteller, Philosoph, Dramatiker und politischer Agitator, der immer wieder Überraschungscoups landete, zur Autorität in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu werden, eine Art geistiger Modepapst. Auch mit seinem Lebensstil wurde er zur Marke: mit dem Arbeiten im Café Flore im Pariser Viertel Saint-Germain-des-Prés und seiner offenen Beziehung zu Simone de Beauvoir, die er, der Hässliche und auf Frauen doch so verführerisch Wirkende, bis an die äußerste Grenze auf die Probe stellte.

Eine Ausstellung der Pariser Bibliothèque Nationale entwirft zum 25. Todes- und zum 100. Geburtstag von Sartre nun das Bild des prototypischen modernen Intellektuellen. Mit über 400 teils unveröffentlichten Manuskripten, Briefen, Fotografien, Zeitungsartikeln, Notizheften sowie Film- und Tondokumenten wird Sartres Werdegang dargestellt: von der vaterlosen Jugend in Paris über die EliteAusbildung an der Ecole Normale Supérieure bis zur publizistischen Leitfigur nach 1945 und den wendungsreichen Kämpfen an allen politischen Fronten. Beeindruckend die Vielfalt der Briefe und Manuskripte. Am Schriftbild, den teils hastig verfassten und mit unzähligen Korrekturen versehenen Essays scheinen die Wesensmerkmale des Menschen Sartre durch. So bilden etwa die ersten, fast verschämt wirkenden und mit unsteter Schrift geschriebenen Sympathiebekundungen für Simone de Beauvoir, die ihr der 24-Jährige aus Hotels in der Provinz schickte, einen schönen Kontrast zu den selbstbewussten Schriften des arrivierten Intellektuellen in späteren Jahren.

Der rasante Aufstieg zum intellektuellen Star begann 1938 mit Sartres erstem und bis heute erfolgreichsten Roman „Der Ekel“. Seine Philosophie der absoluten Eigenverantwortlichkeit des Menschen für sein Leben traf einen Nerv der Zeit. Den moralischen und politischen Einsatz, das Primat der litérature engagée, propagierte er 1947 in seinem berühmten Aufsatz „Was ist Literatur?“ Sartre genügte das Leben am Schreibtisch nicht, er suchte das Bad in der Menge. Er wollte „niemand sein, um für alle sprechen zu können“.

Irritationen wie Sartres Einschätzung der Verhältnisse in der Sowjetunion 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, übergeht die Ausstellung. Sartre verkündete, die „Meinungsfreiheit in der UdSSR sei total“ und er werde „jedem in die Fresse hauen, der das Gegenteil behauptet“. Doch seine Sympathien für den Kommunismus und die französische KP wichen bald einer differenzierten Haltung. Die imperiale Politik des sowjetischen Imperiums, wie sie sich in der gewaltsamen Niederschlagung der demokratischen Aufbrüche in Ungarn und der Tschechoslowakei zeigte, waren ihm Proteste wert.

Eine allzu versöhnliche Schau hat die Bibliothekszentrale am Quai François-Mauriac da zusammengetragen. Sartre selbst hätte die teils polarisierenden Sonderbeilagen in allen großen französischen Tageszeitungen vermutlich als das schönere Geschenk zum Doppeljubiläum angesehen. Während „Le Figaro“ den Denker eine „kleine widerliche Ente“ nennt, feiert ihn „Le Monde“ als „Erleuchter der jungen Generation“.

Paris, Bibliothèque Nationale, bis 21. August. Katalog mit DVD 48 Euro.

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