Kultur : Nieswiez brennt

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Von Thomas Lackmann

In der Nacht zum 20. Juli 1942 wird auf dem Dach der großen Synagoge von Nieswiez ein Maschinengewehr aufgestellt. Frauen, die in Beutelagern der Deutschen arbeiten, haben Waffenteile ins Ghetto geschmuggelt. Fast 4000 Juden, die Hälfte der Bewohner des weißrussischen Städtchens, waren bereits ermordet worden: Sie mussten sich am 30. Oktober 1941 auf dem Marktplatz sammeln, wurden zu Gruben im Schlosspark und an einer Ausfallstraße getrieben und dort erschossen. 585 Juden hatten die Deutschen damals als Arbeitskräfte ausgesondert. Am 17. Juli 1942 erfahren diese Überlebenden von der Liquidation des Ghettos im Nachbarort. Bei einer Gedenkfeier in der Synagoge ruft die zionistische Gruppe um Shalom Cholawski zum Widerstand auf: „Wir gehen nicht wie Schafe zur Schlachtbank“. Am 18. Juli schreibt der Familienvater Mordechai Heesheen im Ghetto einen Brief: „Wir werden sterben in dem Wissen, dass der Feind der Welt den Krieg verlieren, dass jemand Rache nehmen wird... Unsere Herzen sind versteinert, Tränen fließen nicht mehr... Täglich hören wir, dass wieder eine Stadt vernichtet worden ist. Jetzt sind wir dran, heute oder morgen.“ Waffen werden zusammenmontiert, Bunker ausgehoben. Am 19. Juli teilen sich 46 Männer im Ghetto zu Kampfgruppen auf. Sie zitieren den Helden Samson, der vor 3200 Jahren als Gefangener der Philister (jener Feinde Israels, die dem Land Palästina seinen n gaben) die Säulen des Festsaals von Gaza demolierte und dabei hunderte Männer und Frauen mit in den Tod riss. „Lass mich sterben mit den Philistern!“ lautet ihre Parole.

Nieswiez? Wer kennt Nieswiez? Hier zu Lande hat die ursprünglich polnische Stadt bei Minsk, in der die Fürsten Radzivil ein Schloss, die Benediktiner ein Kloster besaßen, wo Juden über 500 Jahre gelebt und acht Synagogen samt einer angesehenen Talmudschule errichtet hatten, nur einmal Beachtung erlangt: Als Kritiker der Ausstellung „Vernichtungskrieg“ vorwarfen, das Nieswiez-Massaker werde zu Unrecht der Wehrmacht angelastet. In der neu aufgelegten Wehrmachtsausstellung heißt es nun, der Kommandant von Nieswiez habe seinerzeit lediglich Gruben ausheben lassen und die Juden zum Marktplatz beordert sowie während der Selektion am 30. Oktober 1941 die Straßen sperren, ferner die Kleider der Toten abholen und ihre Häuser ausräumen lassen. Der Massenmord selbst sei durch ein Polizeibataillon und litauische Hilfswillige ausgeführt worden. Von der Ghetto-Revolte im Juli 1942 berichtet die Ausstellung nichts.

Am 4. Juli 1942 hatten die Massenvergasungen in Auschwitz begonnen. Am 15. Juli wird das Führerhauptquartier aus Ostpreußen in die Ukraine verlegt; Peter Yorck Graf von Wartenburg, die Zentralfigur der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“, wechselt in den Wirtschaftsstab Ost, die Behörde zur Ausplünderung der sowjetischen Gebiete; Legationsrat Adam von Trott zu Solz, der Außenpolitiker des Widerstands, konferiert an diesem Tag mit Heinrich Himmler über die Aufstellung einer indischen SS-Legion. Am 17. Juli besucht Himmler Auschwitz. Am 19. Juli, dem Gedenktag Tisha B´Av, an dem nach jüdischer Überlieferung der Tempel zerstört sowie im Jahr 1492 die Vertreibung der Juden aus Spanien verfügt wurde, beginnen die Deportationen aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager.

Am 19. Juli 1831 stirbt in Berlin der in Nieswiecz geborene Isaac Judelowitz Adelson. Wann Isaac, ein Sohn des Kaufmanns Juda Leib Jidel Adelson, aus seiner Geburtsstadt westwärts gezogen war, um in Russisch-Litauen Handel zu treiben und schließlich Zolldirektor von Georgenburg an der Memel, nahe der preußischen Grenze zu werden, ist nicht bekannt. An die Spree jedenfalls reist der 58jährige im Sommer 1831 zur Heilung seiner Brustwassersucht, wegen der guten Berliner Ärzte. Isaacs Grab auf dem Friedhof Schönhauser Allee ist bis heute erhalten, samt einem Stein, den seine Söhne ihm gesetzt haben: „Die Staette die ein edler Mensch bewohnt/ist eingeweiht für Ewigkeit/und nach langen Jahren klingt seine That/durch Enkel dem Urenkel wieder.“ Die zweisprachige Inschrift – Deutsch und Hebräisch – dokumentiert eine Übergangsphase der Assimilation. Adelsons Söhne und deren Nachkommen aber werden bald ganz den Weg gen Westen gehen, in die Konversion: Mit ihrem Abschied von der Doppelidentität lassen sie, so scheint es, auch das ungewisse Schicksal der Juden von Nieswiez hinter sich.

Ein Jahrhundert lang gelingt es Isaacs Nachfahren, ihre Herkunft aus Nieswiez und Georgenburg (russ. Jurburg), wo der Sohn Jacob die Rabbinertochter Fanny Loewenstam geheiratet hatte, weitgehend zu verdrängen. Kurz nachdem Jacob Adelson noch 1838 den Baruch Auerbachschen Waisenerziehungsanstalten in Berlin zum „gesegneten Andenken“ an den Namen seines Vaters 300 Taler gestiftet hat, lässt sich die Familie taufen; Jacob wird geadelt, ein preußischer Konsul und russischer Hofrat in Königsberg; seine Fanny führt den elegantesten Salon der Stadt. Sein Ältester vermacht der Synagoge ein Legat von 2200 Talern; dagegen nehmen Tochter Anna und deren Gatte Anton Cohn, ein Mitbegründer der Deutschen Bank, den „deutschen“ Namen Adelssen an (ihre Gräber liegen auf Berlins Dorotheenstädtischem Friedhof). Jacobs Jüngster wiederum, der als Versicherungsmillionär am Kurfürstendamm 6 residiert, gründet zur ehrenden Bewahrung des Namens seiner Eltern eine Stiftung.

„Der schwierigen, wenn nicht unlösbaren Frage der Rassenzugehörigkeit soll hier nicht nähergetreten werden“, schreibt 1928 in der Familienchronik ein Berliner Urenkel des Nieswiezer Isaac. „Es sei daran erinnert, daß a) zu verschiedenen Zeiten ganze slawische Stämme und sämtliche Bewohner ganzer Ortschaften zur jüdischen Religion übertraten; b) die uns erhaltenen Bilder Jacob von Adelsons wie die seiner Nachkommen keinen rein auch nur stark semitischen Charakter zeigen...“

Doch mit der Einführung der Rassengesetze von 1935 wird das Unlösbare in Deutschland zur Existenzfrage: Nun entscheidet die Anzahl „nichtarischer“ Großeltern über Ausbildung, Beruf, Staatsbürgerschaft, Lebensrecht. Um Lotte Bergengruen geb. Hensel, eine Urenkelin Fanny Hensels geb. Mendelssohn (deren Sohn eine Enkelin des Isaac Adelson aus Nieswiecz geheiratet hatte), bildet sich ein Forschungsteam. Ihr Schwager und ihr Mann, der Dichter Werner Bergengruen, fahren mehrfach zur Dokumentensuche ostwärts; ihre letzte Reise müssen sie, der Überfall auf die UdSSR hat begonnen, abbrechen.

Ihre Forscherhoffnung richtet sich auf Isaacs Schwiegertochter Fanny Loewenstam: Falls diese Rabbinertochter, wie ein pikantes Familiengerücht besagt, durch ihren Jurburger Vater nur adoptiert wurde, falls sie (jeder Konfessionshinweis vor der Taufe fehlt!) gar keine Jüdin war, sondern ein Bankert aus russischem Adel (was ihre 10000 Silberrubel Mitgift erklären könnte) – dann sähe der rettende „Ariernachweis“ vieler Adelson-Nachfahren besser aus. Dem Reichssippenamt wird eine genealogische „Denkschrift“ vorgelegt; weniger gefährdete Verwandte drängen auf Entscheidung, die anderen „Mischlinge“ setzen auf Verfahrensverschleppung. Aber im Sommer 1942 wird die 48jährige Marie-Luise Hensel bei dem Versuch, Juden in die Schweiz zu bringen, gefasst; nun soll ihre Schwiegermutter, eine „Volljüdin“, aus Marburg deportiert werden, da sie angeblich die Schwiegertochter zu der Tat motiviert habe. Marie-Luises Sohn Kurt, von der Ostfront ins Lazarett eingeliefert, hinkt auf Krücken zur Gestapo und protestiert: „Wenn Sie meine Großmutter wegbringen, nur mit mir zusammen.“ Doch die fehlgeschlagene Aktion seiner Mutter stößt in der Familie auf Unverständnis. „Wochenlang haben wir damals größte Angst gehabt“, erinnert sich die heute in Berlin lebende Historikerin Cécile Lowenthal-Hensel. „Man wacht auf, und das erste, was man fühlt, ist Angst.“

Am 20. Juli 1942 meldet die Agentur „Croatia“, dass viele Aufständische des Küstenlandes, enttäuscht von der „englisch-sowjetischen Propaganda“, die Waffen gegen Hitlers Verbündete niederlegen. Im Juli 1942 erkennt Graf von Stauffenberg, dass der Krieg verloren ist und schließt sich dem Widerstand an; das Verbindungsnetz zwischen den Zentren der Verschwörer ist fertiggestrickt; an der Ostfront prüft Oberst Henning von Tresckow Sprengstoffe für Selbstmordanschläge auf Hitler. Am 20. Juli 1942 umstellt weißrussische Polizei das Ghetto von Nieswiez. Der deutsche Kommandant teilt mit, 30 Facharbeiter dürften am Leben bleiben. Die Juden kündigen Widerstand an, Deutsche eröffnen das Feuer, aus der Synagoge wird zurückgeschossen. Deutsche und Litauer stürmen das Ghetto. Die Juden kämpfen mit Messern, Stangen, Beilen, Knüppeln, Säure, Steinen, Kerosin. Sie zünden ihre Häuser an, das Feuer erfasst die Stadt. Mordechai Heesheen mit seiner Familie stirbt auf der Flucht, andere werden von Nieswiezern den Deutschen ausgeliefert. 25 Überlebende stoßen im Wald zu den Partisanen, auch Shalom Cholawski. Am 21. Juli fordern im New Yorker Madison Square Garden 20000 Versammelte Hilfe für Europas Juden. Am 31. August nimmt sich Marie-Luise Hensel im Konstanzer Gestapo-Gefängnis das Leben.

In der „Enzyklopädie des Holocaust“ folgt auf „Neswish“ (russ. für Nieswiez) das Kapitel „Neuengamme“: Der Befehl zur Verbringung Hamburger Adelson-„Mischlinge“ in dieses norddeutsche KZ lag den hanseatischen Beamten vor, als die britische Armee einrückte. Das Globalisierungssystem Holocaust hat den Assimilationsprozess umgedreht und Migrantenwege, die sich weit von einander entfernt hatten, wie im Zufallsgenerator miteinander verknüpft: in einer Weltgeschichte der Altlasten, der Traumata und Gespenster. Diese Verbindung zwischen Opfergruppen, ja zwischen Opfern und Tätern und deren Nachkommen besteht fort.

Gleichwohl ist die erste, als Fanal wirkende Ghetto-Revolte der deutschen Öffentlichkeit bis heute unbekannt. Auch Arno Lustigers 628-Seiten-Wälzer „Zum Kampf auf Leben und Tod“ (1994) über den jüdischen Widerstand hat kein großes Publikum gefunden, so wenig wie das Taschenbuch „Nakam. Jüdische Rache an NS-Tätern“ (2000) von Jim Tobias und Peter Zinke. Juden, die wie Guerrilleros eines „schmutzigen Krieges“ mit Beilen und Säure brutal über deutsche Uniformträger herfallen und Häuser unbeteiligter Nachbarn in Brand setzen, sind hier zu Lande eine verwirrende, kaum erträgliche Vorstellung. Denn die Fortschreibung der jüdischen Opferrolle, das prägt jenseits aller Menschenrechtsfragen auch den Antisemitismus-Streit um die aktuelle Israel-Kritik, gehört zur Geschichtsentsorgungsphantasie der Nachkriegsdeutschen. Von den Juden wird erwartet, dass sie durch ihren Verzicht auf Vergeltung den Zivilisationsbruch reparieren. Nicht Samson, der als verstümmelter Gefangener den Selbstmordanschlag auf die Ur-Palästinenser von Gaza durchführte, sondern der weise Nathan, das Ideal großmütiger Toleranz, soll doch bitte ihr Modell sein.

Shalom Cholawski, der die Nieswiezer Revolte anführte, lebt in Israel. Nach 57 Irrwegjahren ist der Brief Mordechai Heesheens vom 18. Juli 1942, adressiert an Freunde der ermordeten Familie, bei ihm angekommen. „Nach langen Jahren klingt seine That/durch Enkel dem Urenkel wieder“: Ein Ende des Aufstands der Überlebenden, die in ihrem Krieg gegen die wahnhaften Suizid-Attacken der Unterlegenen Nathan und Samson zugleich sein müssten, ist nicht absehbar. Wenn erst das Ghetto brennt, brennt die Stadt. Wenn Nieswiez brennt, brennt die Welt.

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