Kultur : Nietzsche-Gedenkstätte: Denkmal für einen Übermenschen

Nicola Kuhn

Manchem Teilnehmer des Festaktes zum 100. Todestag von Friedrich Nietzsche mag der Gedanke durch den Kopf geschossen sein: Was wäre, wenn die feierlichen Ansprachen an diesem Jubiläum nicht im Weimarer Kubus unweit von Goethes Gartenhaus, sondern in einer Nietzsche-Gedenkstätte gehalten worden wären. Ein wenig schaudern ließ diese Vorstellung: Tatsächlich gibt es gleich neben dem legendären Archiv, das die Schwester des Philosophen in der Villa Silberblick gegründet hat, eine solche Kultstätte, die jedoch glücklicherweise nie als solche benutzt wurde. Ende der 30er Jahre von Paul Schultze-Naumburg in Nazi-Manier entworfen mit Gedächtnishalle und weihevoll hinführender Galerie, wurde der Ort erst im vorletzten Kriegsjahr fertiggestellt und war zu dem Zeitpunkt doch schon längst als Depot zweckentfremdet. Mit dem Ende des Dritten Reiches wollte niemand mehr etwas von einer Gedenkstätte für den von Nationalsozialisten vereinnahmten Denker wissen, die offizielle DDR nicht einmal von seinen Schriften. So zog schließlich in das leerstehende Gebäude der Mitteldeutsche Rundfunk, der den denkwürdigen Bau nun ausgerechnet während Nietzsches Jubiläumsmonat verlassen hat, um in Erfurt ein neues Funkhaus zu beziehen.

Wer ein wenig weiter zurückgeht in der Geschichte der Weimarer Nietzsche-Gedenkstätten, wird auf einen ungleich interessanteren Entwurf stoßen, der es über das Planungsstadium hinaus nie geschafft hat. Im hundersten Todesjahr des Philosophen hat sich nun eine Projektgruppe des Studiengangs KulturArbeit an der Fachhochschule Potsdam dieses Projekts erinnert, die Pläne an bezeichnendem Orte ausgestellt: in Henry van de Veldes Weimarer Domizil "Haus Hohe Pappeln". Dort hat im vergangenen Jahr ein Freundesverein die Räume mit Denkmalpflegemitteln wieder hergerichtet und seitdem über 20 000 Besuchern die Heimstatt des berühmtesten Architekten und Gestalters Weimars vorgeführt. Allerdings will sich die Evangelische Landeskirche, der nach Kriegsende das 1917 von van de Velde zurückgelassene Haus zugeschlagen wurde, der historischen Immobilie entledigen. Ein Käufer ist bereits gefunden, die Stadt indes pocht auf ihr Vorkaufsrecht, um den rekonstruierten Bau der Öffentlichkeit weiter zugänglich zu halten. Andernfalls könnte die Ausstellung "ihr kinderlein kommet ... Henry van de Velde: ein vergessenes Projekt für Friedrich Nietzsche" bereits der Ausstand sein für das hoffnungsvoll begonnene Unternehmen, dem Gedenken des aus Weimar vertriebenen belgischen Universalkünstlers eine feste Bleibe zu geben.

Sollte dieser Plan scheitern, wäre die Präsentation in den einstigen Wohnräumen der Architektenfamlie der passende Abschied: Schließlich hatte eigentlich Nietzsche seinen Verehrer van de Velde nach Weimar gelockt. Persönlich hatte der Künstler ihn zwar nicht mehr kennengelernt, aber lebhaft beschreibt er in seinen Erinnerungen die erste Begegnung mit dessen Schwester, 1901, und den Eindruck, den die berühmte letzte Hans-Olde-Zeichnung auf ihn hinterlassen hatte. Wie andere wegen Goethe nach Weimar pilgerten, so suchte van de Velde die letzte Stätte seines Heros, den er als Vater seines "Neuen Stils" verehrte. Schon damals wurde über eine Umgestaltung des Archivs durch den Jugendstil-Architekten und womöglich über ein Denkmal nachgedacht. Als Harry Graf Kessler schließlich die Einladung nach Weimar annahm und durch Großherzog Wilhelm Ernst Ende 1901 zum Berater berufen wurde, wechselte van de Velde von Berlin in die thüringische Provinz, wo ein Zentrum der Moderne zu entstehen schien.

Van de Veldes 13-jährigem Aufenthalt in Weimar sollte jedoch wenig Glück beschieden sein; bis auf die Errichtung der Kunstschule und seiner Kunstgewerbeschule, in der sich später das Bauhaus gründete, konnte er für den gegenüber Neuem zunehmend weniger aufgeschlossenen Erzherzog kaum größere Projekte verwirklichen. Dafür wurde die Umgestaltung des Nietzsche-Archivs zu einem Hauptwerk van de Veldes, für das die Schwester des Philosophen den Kaufpreis der kompletten Villa mit Grundstück noch einmal hinblättern musste. Ein Gesamtkunstwerk ist daraus geworden, das bis hin zu den Kleiderhaken, Türgriffen und der Bibliothek als Allerheiligstem durchgestaltet ist. Noch in den Schutzgittern verbirgt sich das schwungvoll entworfene "N" für Nietzsche, in seiner Dynamik verwegen an das Signum des Weltenretters Batmans erinnernd. Die überlieferten Zeichnungen und aus Belgien entliehenen Skizzen lassen auf hochfahrende Pläne schließen. War es zuerst nur ein dem Archiv vorgelagerter Tempelbau, der sich an van de Veldes Jenaer Abbe-Denkmal orientierte, so kam schließlich ein monumentales Becken, ein Stadion mit gewaltiger Arena hinzu als Forum für die Jugend der Welt, den von Nietzsche beschworenen "Neuen Menschen". Während sich Graf Kessler hier schon Fussballspiele ausmalte, hatte van de Velde Polo im Sinn. Keins dieser Spiele sollte dort ausgetragen werden, schon gar nicht die andachtsvolle Nietzsche-Verehrung stattfinden; obwohl über eine eigens gegründete "Spielhain e. V." sogar schon ein Gelände erworben worden war. Bereits vor dem Krieg kam es zu jedoch Zerwürfnissen mit Elisabeth Förster-Nietzsche. Auf dem dem seinerzeit erworbenen Areal befinden sich heute Krankenhaus, Parkplatz, Fitnesscenter - und zufällig der Beginn einer vor wenigen Jahren angelegten Henry van de Velde-Straße.

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