Kultur : Nigerianisches Theaterstück: Albtraum Afrika

Ulrich Deuter

Der dicke General in seiner grasgrünen Uniform tappt wie ein Teddybär. Immer wieder plustert Basha Bash sich augenrollend zu wichtiger Pose auf, doch der Gesichtsausdruck des einstigen Ziegenhirten bleibt blöd. Maariya, seine Lady Macbeth in geschmackloser Fantasierobe (Susan Aderin), will, dass ihr Gatte endlich den ganzen Staatskuchen an sich reißt, der sich noch in den Händen von Feldmarschall Potipoo befindet. Besitzt er doch alle nötigen Voraussetzungen: Dummheit, Gier, Niedertracht und eine ihn anstachelnde Ehefrau. "King Baabu", das jüngste Theaterstück des nigerianischen Romanciers und Dramatikers Wole Soyinka, hat im Düsseldorfer Forum Freies Theater seine Deutschlandpremiere. Anfang August in Lagos herausgekommen, befindet es sich zusammen mit seinem Autor derzeit auf einer kleinen Europatournee.

Die grelle Macht-Farce, in Nigeria erarbeitet, mit britischem Geld und Schweizer Technik produziert, ist eine Variation auf Alfred Jarrys "König Ubu", dem Urbild vom Würstchen als Tyrann. Der 1934 geborene Soyinka, 1986 erster Literaturnobelpreisträger seines Kontinents, hatte zunächst "Macbeth" bearbeiten wollen. Doch die Vielschichtigkeit des Shakespeare-Dramas kam ihm zu wenig obszön vor für den sarkastischen Entzerrspiegel, den er der nigerianischen Wirklichkeit vorhalten wollte. Dort war 1998 die Diktatur unter General Sani Abacha zu Ende gegangen, seitdem versucht eine Wahrheitskommission nach dem Vorbild Südafrikas, die Staatsverbrechen seit der Unabhängigkeit von 1960 zu untersuchen, damit der westafrikanische Vielvölkerstaat nicht ganz im Chaos versinkt. Doch in Afrika herrsche ein unseliger "Hunger nach Abschluss", klagt Soyinka, das nigerianische "Aputa-Panel", ein Forum ohne juristische Sanktionsgewalt, sei bloß auf "flinke nationale Karthasis" erpicht. Auf Kosten der Opfer werde gelogen und beschönigt - Zitate aus dem neuen Essayband "Die Last des Erinnerns" (Patmos-Verlag), in dem Soyinka für eine Trias aus "Wahrheit, Wiedergutmachung und Versöhnung" plädiert.

Während über die nigerianischen Fernsehschirme die Bilder der Schlächter von gestern flimmern, die selbstbewusst ihre Gräueltaten kleinreden, präsentiert "King Baabu" dasselbe Personal beim ungehemmten Tun. Schauplatz ist die fiktive Republik Guato. Basha Bash (Yomi Michaels) putscht sich an die Macht und regiert sein Land mit operettenhafter Grausamkeit. Blut fließt in Soyinkas eigener Inszenierung nicht, Gewalt wird nur angedeutet. Die Figuren, die an die realen Bokassas und Idi Amins erinnern, agieren wie Kasperlepuppen; sprechender als ihr Pidgin-Geplapper sind ihre Namen: "Baabu" bedeutet in der Hausa-Sprache "nichts", der kollaborierende Gewerkschaftsführer heißt Rout (Rotte), der Oberpriester mit Bischofsmitra und muslimischer Gebetskette Dope (Drogen). Zuletzt krepiert Baabu - einer "Macbeth"-ähnlichen Prophezeiung gemäß - am Nashornpulver, das er als Potenzmittel verzehrt hatte.

Soyinka, in England ausgebildet, schreibt im Stil europäischer Dramentradition. Wie schon in seinen früheren Werken verbindet er auch hier Aufklärerisch-Sarkastisches mit Elementen afrikanischen Volkstheaters. Für den europäischen Beobachter wirken Stück und Inszenierung eher harmlos - die Wirkung in Nigeria mag ganz anders sein, wenn die Tyrannen von gestern der Lächerlichkeit anheim fallen und an die Zuschauer die Mahnung ergeht, nicht zu glauben, dass nun alles vorbei sei.

Mit "King Baabu" zeigt Soyinka, der wegen seiner Kritik am Biafrakrieg selbst in Haft saß, die kaum überzeichnete Realität eines Kontinents, der sich in einem Albtraum nicht abreißender Kriege und immer neuer Diktatoren zerfleischt. Dass die kolonialistische Vergangenheit daran ihren Anteil hat, spart der Dramatiker nicht aus: Schon durch den Sklavenhandel habe Europa das Licht seiner Aufklärung verdunkelt. Für eine Wiedergutmachung per Scheckbuch plädiert Soyinka dennoch nicht. Es gebe viele Möglichkeiten symbolischer Genugtuung: Europa könne Afrikas Schulden erlassen oder ihm seine Kunstschätze zurückgeben. "Erschüttert" zeigt er sich daher, dass auf UNO-Konferenz gegen Rassismus in Durban die afrikanische Geschichte erneut herabgesetzt, die offene Frage von Kolonialismus und Sklaverei unter der inszenierten Dominanz der Nahost-Problematik begraben worden sei.

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