Kultur : "Night Train": Von wegen Mexiko

Daniela Sannwald

Keine Cowboys und Viehzüchter wie in "All die schönen Pferde", keine Marihuanafarmen wie in "Blow", keine pittoresken Dörfer und jahrhundertealte Mythen wie in "The Mexican" - nur erbarmungslose Sonne auf Asphalt, Suff und Sex für Pesos und all das in Schwarzweiß: Das ist "Night Train", der sämtliche Mexiko-Klischees auf den Kopf stellt und die Grenzstadt Tijuana als eine Art Ballermann-City für amerikanische Tumb-Touristen präsentiert.

Joe Butcher jedenfalls, mit straff gespanntem Billig-T-Shirt überm Bierbauch, scheint ganz gut dort hinzupassen. Eines Morgens landet er in einem heruntergekommenen Hotel, dessen Portier anzüglich grinst und gleich ein dickes Trinkgeld einstreicht. "Ja, es gibt eine Hölle, und du bist schon mittendrin", klärt ihn Sam, der Erzähler und Beobachter dieser Szene auf. Sam war schon vor Jahren in Tijuana hängen geblieben: "I am the resident schmuck". Joe Butcher aber, mit nichts bewaffnet als mit einem Schlüssel unbekannter Herkunft, begibt sich entgegen Sams Ratschlägen auf die Suche nach seinem angeblich toten Bruder und dessen Geld. Dabei erweist sich, dass er sich gut in der örtlichen Unterwelt zurechtfindet - Sturheit und Dumpfheit helfen ihm dabei. Er kommt einer Bande auf die Spur, die noch widerwärtiger ist als er selbst, der er immerhin auf einen gewissen kriminellen Minimal-Ehrenkodex hält. Und er findet nicht nur seinen Bruder, sondern auch eine Frau und eine Waschmaschine...

Als Hommage an den film noir hat Les Bernstien sein Spielfilmdebüt aus dem Jahr 1999 inszeniert: Bereits die ersten Einstellungen eines auf einem Schienenstrang entlang stolpernden, angeschossenen Mannes in der Dunkelheit enthalten die wichtigsten Stilmittel: öde Industrielandschaft am Stadtrand, Container, Eisengerüste, ein Bahndamm, schweres Atmen aus dem Off und eine Erzählerstimme, die auf eine unfreiwillige Teilnahme an den gerade beginnenden Ereignissen verweist. "Ich weiß nicht, warum ich mich überhaupt mit ihm abgegeben habe. Vielleicht, weil er Englisch sprach..."

Gekippte Kameraperspektiven versetzen die Figuren permanent auf die schiefe Bahn, Untersichten und Anschnitte verzerren Gesichter zu Fratzen, lassen Unansehnliches noch hässlicher erscheinen und verleihen selbst der schönen Tänzerin Bobbie einen Zug ins Groteske. Auf der Tonspur: Straßenlärm, Musik und Gesprächsfetzen in Englisch und Spanisch - wie in Orson Welles Spätwerk "Im Zeichen des Bösen" scheinen die Geräusche der Grenzstadt den Fremden zu Leibe zu rücken, sie zu bedrohen. Dagegen hilft nur der Mezcal-Rausch, dem sich Joe zu jeder Tageszeit hingibt. Aber die Realität verfolgt ihn bis in die Träume.

"Night Train" ist brutal, geschmacklos, intelligent, zynisch und trotz des schmuddeligen Graus ein visuelles Abenteuer. John Voldstad verkörpert den Anti-Helden als Rächer der Schmerbauch-Internationale im Zeitalter der gemeißelten Superkörper. Kultverdächtig.

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