Kultur : Nike auf Naxos

Die Urenkelin Richard Wagners über Schlingensief, Bratwürste und Weimar als deutsche Metapher

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Frau Wagner, stehen die Zeichen der Kultur auf Aufbruch oder auf Verblödung?

Ich glaube, der Prozess des Verschwindens von Kunst und Kultur ist in diesem Land objektiv mit Händen zu greifen – vom Bildungsschwund mal ganz abgesehen. Andererseits gibt es durchaus Initiativen dagegen, die KulturEnquete des Bundestages in ihrem Kampf gegen das Quotendenken gehört dazu, die Aktion „Oper für alle“ in München, die Wut auf die Rechtschreibreform ...Wenigstens punktuell bilden sich doch immer wieder Fronten gegen die Verblödung.

Was können wir selber dagegen tun?

Wir sollten uns fragen: Was tritt an die Stelle des unendlich reichen Spiels der Referenzen und Relationen, wenn wir nichts mehr wissen über unsere Libretti, Melodien, Dichtungen und Dramen? Ich kann mir ein Leben außerhalb des alten Kunst- und Kulturkosmos nicht vorstellen, es wäre witzlos und nur noch funktional. Andererseits – die nächsten Generationen schaffen sich ihre eigenen Beziehungssysteme, um die wir „Alten“ uns gefälligst zu bemühen haben. Es reicht nicht, auf der eigenen Insel zu sitzen und zu klagen. Auf Naxos mit Whiskyglas.

Trotzdem sind sie eine überzeugte Insulanerin.

Wenn Sie so wollen: ja. Meine Insel ist das Kunstfest Weimar. Und Weimar an sich ist schon eine Insel – mit seinem dicken Über-Ich Kultur, seinen Schlössern und Gärten, seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und seinem reduzierten Kulturbürgertum nach 40 Jahren DDR, merkwürdig zerrissen in seiner Identität zwischen dem Bild von sich selber und der Wirklichkeit. Was für eine Kultur will man in Weimar, wer „ist“ Weimar überhaupt?

Vielleicht das kulturelle Brennglas der Republik, ein Mikrokosmos der Misere?

Weder noch. Glanz und Elend haben in Weimar besondere Farben. Die Stadt bedeutet Kultur, kann von der Kultur aber nicht leben. Die Marke, das Sirenenwort „Weimar“ sind da, aber eben auch die Haltung, dass andere für deren Erhalt zu sorgen haben. Das Komische ist, dass das ja auch funktioniert, dass es wirklich eine gesamtdeutsche Verantwortung für Weimar gibt, dass „Weimar“ wir selbst sind.

Mögen Sie Weimar?

Ich mag Weimar. Weimar ist mein ins Leben getretener Essayismus. Ich finde es maßlos interessant hier und „lerne Geschichte“. Es ist erstaunlich, wie tief etwa die Sozialisierung Ost in den Menschen drinsteckt, das geht in meinen Augen bis in die Körpersprache hinein: Wie sie gehen, wie sie stehen - diese ganze Zurückgenommenheit. Anfangs dachte ich, locker auf die Leute zugehen, könnte kleine Entfesselungen bewirken. Stimmt aber nicht. Der Abstand wurde nur größer. Man bleibt außen vor, da kann man noch so lange auf dem Marktplatz stehen und Bratwürste essen.

Sie essen Bratwürste?

Aber ja. Und ich habe jetzt auch eine wirklich gute Firma gefunden, nachdem ich mich durch alles Mögliche durchgefressen habe. Diese Firma ist jetzt Wurstsponsor für das Kunstfest. Wollen Sie den Unterschied zwischen mir und meinem Vorgänger Bernd Kauffmann wissen? Er hat die Bratwurst aus dem Kunstfest verbannt und ist Scampi essen gegangen.

Was unterscheidet die thüringische von der fränkischen Bratwurst?

Lange habe ich behauptet, die fränkische sei die einzig essbare. Inzwischen herrscht bei mir doch ein Gleichgewicht der Bratwürste. In den Bayreuther Pausen werde ich das wieder überprüfen, es gibt da natürlich auch Schwankungen, je nach dem, ob die betreffende Wurst, um Schlingensief zu zitieren, länger oder kürzer mit Wagner-Musik beschallt worden ist ...

Wenn man böse wäre, könnte man sagen, Weimar ist für Sie die Kompensation für das Scheitern an Bayreuth.

So gerne ich Bayreuth nach wie vor hätte, aus emotionalen und familiären Gründen: Formal ist Weimar für mich viel interessanter, von der Vielfalt des Ästhetischen her, von der Freiheit der Gestaltungsräume. Bayreuth aufzubrechen ist sehr schwer, das erleben wir ja gerade wieder ...

... aber Sie hätten es gerne versucht ...

Natürlich. Aber das Gralshütertum ist schon massiv. Warum tut sich denn ein Christoph Schlingensief so schwer? Weil es nicht reicht, den grünen Hügel mit medialen Events zu etikettieren, mit Leuten, die hier ihre Erstbegegnung mit dem Medium Oper feiern dürfen. Auch wenn dabei im Einzelnen neue Perspektiven herauskommen und die Optik mal wieder verändert wird – das Problem ist die Zusammenhanglosigkeit. Hier das süßliche Verpackungsdesign von Philippe Arlaud, dort die Asylantenästhetik der Rakete Schlingensief: Genügt das für Bayreuth? Das ist kein Konzept, sondern pures Gewürfel.

Was reitet Wolfgang Wagner?

Vielleicht die berühmte schlingensiefsche Angst? Er will ja nicht „das Ende“, sondern seine unendliche Verlängerung in die Zukunft. Aber davon abgesehen: Die Öffentlichkeit weiß ja nicht einmal, wer wirklich das Sagen hat im Festspielhaus. Da gibt es die Gattin, die Tochter, den Intendanten des Gärtnerplatztheaters. Aber man weiß, dass die Festspielleitung den Künstlern permanent in ihre Konzepte hineinredet und das zeigt die inneren Widersprüche dieses Hauses: Erneuerung anzupeilen, aber nicht dazu zu stehen. Deshalb die sich häufenden Absagen bedeutender Regisseure. Manchmal, in meinen Weimarer Finanznöten, träume ich davon, dass der Bund und Bayern diesen allerdeutschesten Festleuchtturm nicht so massiv unterstützten. Ich erinnere nur an das schöne Wort von Christina Weiss, die gesagt hat, warum soll ich nach Bayreuth gehen, wenn es Donaueschingen gibt?

Oder Weimar.

Eben. Mal abgesehen davon, dass Weimar den Hitler-Faschismus ebenso wenig erwarten konnte wie Bayreuth: Weimar ist, wie Christina Weiss ja auch gesagt hat, ein Knotenpunkt deutscher Geschichte. Goethe, Schiller, Liszt, Bauhaus, Buchenwald, die DDR – wo gibt es das schon in dieser Ballung? Wir müssen diesen Raum geistig wiedergewinnen.

Ausgerechnet mit einem Festival?

Ich säge jetzt auf dem Ast, auf dem ich sitze, aber ich habe den Eindruck, dass wir viel zu viele Festivals haben. Wenn man sich anschaut, wie unsere kulturelle Grundversorgung in den letzten Jahren heruntergefahren worden ist und wie viele Festivals gleichzeitig aus dem Boden schießen, dann läuft hier etwas falsch. Der Staat unterstützt den Event- Gedanken und stiehlt sich aus seiner eigentlichen Verantwortung.

Wieviel Kultur braucht der Mensch der Zukunft, und wo kommt die her?

Sie kann nur von der Basis – von den Schulen, Akademien, festen Häusern – kommen. Festivals sind ja quasi erst die Endlagerungen. Dort ist der andere Zustand, der Nicht-Alltag. Aber die Problemfelder sind derart riesig, führen immer wieder zurück ins Gesellschaftliche, zu den Elternhäusern. Zum Beispiel meine Favoriten, die Jungen: Ich habe versucht, das Kunstfest in eine Zeit zu verlegen, in der die Unis und Hochschulen hier noch Betrieb haben. Wissen Sie, was man mir daraufhin sagte? Die Studenten kommen doch sowieso nicht. Und das war in Salzburg unter Mortier auch nicht anders.

Also Festivals von Alten für Alte?

Das Kunstfest hat ein großes Angebot für die junge Generation, aber man reist für Stars und Events an. Wie etwa für András Schiff oder die Großausstellung der Neuen Nationalgalerie. Gerade dieses überregionale Publikum braucht das Kunstfest in Weimar, sonst verdorrt es. Stars aber sind eigentlich zu teuer. Sie sehen, es ist ein permanenter Spagat.

Sie galten immer als Provokateurin. Wo bleibt die Provokation in Weimar?

In der Tat, manchmal erschrecke ich vor meinem eigenen affirmativen Gehabe. Mit dem Verbrauch öffentlicher Gelder sind die Zwänge aber halt da und man wünscht sich nur noch Banales: volle Säle und richtige Kontroversen. Mein „aristokratischer Salon“ zum Beispiel regt die Weimarer jetzt schon auf, oder Heiner Goebbels mit seinem Heimweh nach dem Sozialismus... Aber die Kontroversen sind nicht das ästhetische Ziel des Festivals. Die Dramaturgie ist das Ereignis. Dazu braucht es ein bisschen geistige Mitarbeit. Vielleicht haben gerade die leisen Töne in dieser Zeit etwas Provokatives. Mal kein Topfschlagen und keine drei Tenöre. Aber wer weiß, nach Goethe sind sie alle in Weimar gescheitert, auch Franz Liszt. Deshalb das Scheitern schön hinausziehen und auf „pèlerinage“" bleiben – auf Durchreise, Weiterreise.

Das Gespräch führte Christine Lemke- Matwey.

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