Nils Koppruch ist tot : Der Entdecker

Der Erfinden des deutschen Indie-Country. Zum Tod des großen Hamburger Songwriters Nils Koppruch.

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Goodbye! Nils Koppruch.
Goodbye! Nils Koppruch.Foto: Dennis Williamson

Das Album „I“ war draußen, die Deutschland-Tour schon gebucht, die ersten Auftritte der neuen Formation umjubelt absolviert. Mit Kid Kopphausen, dem Projekt mit seinem Songwriter-Kollegen Gisbert zu Knyphausen, hatte Nils Koppruch große Pläne. Auf unbestimmte Zeit wollten sie zusammenarbeiten, hatte Koppruch Ende August bei einer Begegnung in Körnerpark in Neukölln erzählt. Ruhig, inspiriert und voller Tatendrang wirkte der Sänger, Gitarrist und Liedermacher aus Hamburg an diesem Tag. Am Mittwoch ist Nils Koppruch im Alter von 47 Jahren gestorben, über die Ursachen ist bisher nichts bekannt.

Aufgewachsen war Koppruch auf dem platten Land, in Schleswig-Holstein, seine Vorfahren waren Weber, viel Geld hatte die Familie nie. Nach dem Umzug nach Hamburg ging er mit 16 von der Schule ab, aber nicht etwa für die Musik, sondern um eine Kochlehre zu machen. „Ich habe erst mit 20 angefangen Gitarre zu spielen“, erzählte Koppruch an diesem Augusttag und zündete sich noch eine Zigarette an. Nachdem er über den zweiten Bildungsweg an eine Universität und einer Zukunft als Lehrer für Deutsch und Sport immer nähergekommen war, folgte der Studienabbruch – ein Wendepunkt. „Ich dachte mir, irgendwann musst du dich entscheiden, Koppruch.“

Diese Entscheidung für die Kunst sollte sich auszahlen, wenn auch nicht unbedingt finanziell. Mit seiner Mitte der neunziger Jahre gegründeten Indieband Fink, die sich zwischen deutschem Country und Folk-Noir bewegte, hatte Koppruch einen Neuaufbruch im Sinn. „In Ermangelung akzeptabler Popmusiktraditionen in Deutschland erfinde ich meine eigene Volksmusik“, sagte er einmal der „Zeit“. Diese Selbstermächtigung war durchaus auch eine Auflehnung – gegen den wortreichen, spröden Postrock der damals dominierenden so genannten Hamburger Schule mit Bands wie Blumfeld, den Sternen und Tocotronic.

Es ist nicht peinlich, ein Großstadtcowboy zu sein

Da sich Kritikerlob und Begeisterung der Fans für die hintergründigen Texte und die atmosphärische Dichte der Fink-Songs nicht in Charterfolgen niederschlugen, wechselte Nils Koppruch auch mal das Medium. Seit 1990 verkaufte er unter dem Pseudonym SAM eigene Bilder, Outsider-Art, „Kunst, die Leute sich leisten konnten“. Mit zahlreichen Ausstellungen gehörte er zu den erfolgreichsten Off-Künstlern Deutschlands. Kunst hat Koppruch für sich als das definiert, „was eben gerade passiert“.

Unprätentiös und humorvoll – so beschreiben ihn Menschen, die ihn kannten, und so gab er sich auch vor und während der Auftritte von Kid Kopphausen in Berlin. Bei dem Hamburger wirkte das ihm von seinem Label erdichtete Image des „Großstadtcowboys“ nicht schmalzig. Diese Fähigkeit, große Gefühle kleinen Begebenheiten gleich ohne pathetischen Furor in Liedzeilen zu gießen, hatte ihn zu einem der besten deutschen Singer-Songwriter gemacht. Mit „Bam Bam Bam“ erschien 2005 das letzte Fink-Album. Zwei Jahre später veröffentlichte Koppruch sein von Folk und Americana geprägtes Solodebüt „Den Teufel tun“, 2010 folgte „Caruso“. Seiner Wahlheimat Hamburg war Koppruch über all die Jahre ebenso treu geblieben wie seinem Kiez St. Pauli. Und wenn er jemals weggezogen wäre, so versicherte er, dann „nur aufs Land“. Nils Koppruch hinterlässt eine Frau und einen Sohn.

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